Rundum ambulant - Funktionales Basismodell psychatrischer Versorgung in der Gemeinde

Rundum ambulant - Funktionales Basismodell psychatrischer Versorgung in der Gemeinde Hot

Tanja Trawny   25. Juli 2017  
Rundum ambulant - Funktionales Basismodell psychatrischer Versorgung in der Gemeinde

Rückentext

Innovation, Praxis und Mindeststandard

Psychisch schwer kranke Menschen mit komplexen Behandlungsbedarf erhalten die notwendige Hilfe immer noch vorwiegend in der stationären Versorgung. Dabei zeigen erfolgreiche Beispiele aus der Praxis, dass fast alles, von der Versorgung in akuten Krisen bis hin zur Unterstützung im Alltag, ambulant machbar ist.

Das Funktionale Basismodell psychiatrischer Versorgung in der Gemeinde richtet sich konsequent am psychisch erkrankten Menschen aus: Nicht die bestehenden Versorgungsstrukturen, sondern die Bedarfe und Bedürnisse psychisch schwer erkrankter Menschen bestimmen die Perspektive. Das Buch beschreibt Behandlungs- und Unterstützungsfunktionen, erweckt sie an Beispielen zum Leben und definiert zugleich einen Mindeststandard für gemeindepsychiatrische Behandlungs- und Teilhabeleistungen. Ein Vademecum für Anbieter, Planer und Forschende!

Hörspiegel-Meinung

Story/Inhalt 
 
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Atmosphäre 
 
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Aufmachung 
 
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Gesamtwertung 
 
8,3

Generell stellen Menschen mit psychischen Erkrankungen die ambulante sowie die stationäre Versorgung vor Probleme und Herausforderungen, welche partiell schwierig ist, um zu setzen. Als mögliche Perspektive bietet das Buch dem Leser ein „Funktionales Basismodell für die gemeindepsychiatrische Versorgung schwer psychisch kranker Menschen“ an. Dabei handelt es sich um ein sektoren- sowie trägerübergreifendes Konzept, welches auf das vorhandene Angebot zurückgreift und dabei alle Leistungen zur Behandlung, Rehabilitation und Pflege berücksichtigt. Dabei orientiert sich das Konzept an die aktuelle S3-Leitlinie „Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“ der DGPPN. Das Buch beinhaltet Konzepte, Modelle und empirisches Wissen, um sich dem Thema „Wir können (fast) alles ambulant“ (S.17) zu nähern und erläutert dessen Umsetzung an zahlreichen Beispielen.

Sandra Rieck und Andreas Speck kritisieren hier vor allem die hartnäckige Institutionszentrierung, welche weder aufeinander abgestimmt, noch ineinander übergreift und somit den Menschen mit chronisch psychischen Beeinträchtigungen lediglich auf seine Symptome zu reduzieren scheint, statt ihn zu begleiten und zu unterstützen trotz dieser Beeinträchtigungen am gesellschaftlichen Leben nachhaltig teilhaben zu können (S.18-19). 

Zusätzlich stellen Ingmar Steinhart & Günther Wienberg Das Buch dem Leser zunächst die positiven Aspekte der Reformen seit 1975 sowie weiterhin ungelöste Problematiken gegenüber. Offenbart eine Reihe von Strukturproblemen in der psychiatrische-psychosozialen Versorgung sowie die Grenzen aktueller Reformsätze. Gründe hierfür auch scheint auch der Bestandschutz der Krankenhäuser zu sein, auf Grund dessen „das zentrale Thema der Stärkung der sektorenübergreifenden und insbesondere der intensiven ambulanten Versorgungsstrukturen […] weitgehend ausgeklammert“ wurden (S.28), obwohl eine Stärkung zu intensiv-ambulanter Behandlungsmodelle wünschenswert wäre. 

Dessen Umsetzungsmöglichkeit offerieren Ingmar Steinhart & Günther Wienberg dem Leser anhand eines Basismodells (Abbildung 2, S.35), welches eine „bedarfsgerechte Versorgung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen“ darstellt, dessen „erforderlichen Behandlungs- und Unterstützungsfunktionen“ offenlegt und „damit einen Mindeststandard für gemeindepsychiatrische Behandlungs- und Teilhabeleistungen“ definiert (S.34).

Das Modell beinhaltet drei Kernfunktionen, welche sich rein auf die ambulante Versorgung ausrichtet: (1) die STEUERUNGS- (Beratung, Genesungs-/Behandlungsplanung; Beratung, Rehabilitations-/Teilhabeplanung)), (2) die BEHANDLUNGS- bzw. UNTERSTÜTZUNGSFUNKTION und (3) die ERSCHLIESSUNGSFUNKTION, auf welche anschließend näher eingegangen wird und folgende Module beinhaltet: Kriseninterventionen, 7 Tage/24 Stunden; komplexe ambulante Behandlung; Prävention; komplexe ambulante Behandlung im Lebensumfeld; Nachgehende Intensivbehandlung; Sozialraumarbeit; Ergänzende Behandlungsleistungen: Peerarbeit; (Akut)-Psychotherapie mit niedrigschwelligem Zugang; Alternative Rückzugsorte intensiver Behandlung; Komplexe intensive Behandlung bi zu 24 Stunden/Tag; Ergänzende Teilhabeleistungen: Rehabilitation; Teilhabe Arbeit; Teilhabe Wohnen; Soziale Teilhabe. 

Uta Gühne, Thomas Becker und Steffi Riedel-Heller gehen auf die Besonderheiten und Empfehlungen der S3-Leitlinie ein, während Steffi Koch-Stoecker der Frage „Noch ambulant oder doch besser stationär“ nachgeht. Matthias Heißler bringt dem Leser neue Anreize aus seinem Umfeld, welches als ein Basisbaustein des Modells von Steinhart und Wienberg angesehen werden kann: in seinem Kreis existiert ein Mobiles Kriseninterventionsteam, welches er in seinem Beitrag „Multiprofessionelle mobile gemeindespsychiatrische Teams in der Praxis“ näher erläutert und zum Schluss eine Balance zwischen Krankenhauspsychiatrie und Community Care fordert, um (1) mit weniger stationären Betten auskommen zu können, (2) die Wiederaufnahmequote zu senken und um (3) die Lebenssituation schwer psychiatrisch erkrankter Menschen sowie ihre damit verbundene prekäre Situation weiterhin fortlaufend verbessern zu können. 

Norbert Mönter befasst sich mit der Thematik aus Sicht eines niedergelassenen Arztes und weist auf die Post-Psychiatrie-Enquete-Ära genauso hin, wie auf die mangelnde Steuerung der Ressourcen. Wie man derartige Sektorengrenzen überwinden und verbundförmige Hilfen den psychisch Erkrankten anbieten könnte, offerieren de, Leser Nils Greve und Thoas Floeth anhand zweier Beispiels aus Berlin und Nordrhein-Westfalen.

Relevanz der Peerarbeit haben Gyöngyvér Sielaff, Reiner Ott und Thomas Bock in ihrem Buchkapitel „Genesungsbegleiter und ihre Wirkung in der ambulanten Psychiatrie“ ausgearbeitet und anhand von internationalen Reviews und Metaanalysen sowie eigenem Praxisbeispiel (Reiner Ott) untermauert. 

Es wird auf die Relevanz der „Früherkennung und Frühintervention“ (Linus Wittmann, Mary Senquette und Anne Karow) eingegangen sowie „Prävention als Auftrag, Menschen psychische Erkrankungen zu ersparen und zu ermöglichen“ (Thomas Beck, Gwen Schulz und Gyöngyvér Sielaff). Letzteres wird anhand des Netzwerks für Prävention und Antistigmaarbeit – UKE und „Irre menschlich Hamburg e.V.“ dem Leser näher erläutert. Und auch der Betrag von Katarina Stengler und Thomas Beckerüber „Das Ende der Reha-Kette?- Zukunft der beruflichen Teilhabe“ weist darauf hin, dass eine Verzahnung medizinischer, beruflicher und sozialer Rehabilitationsmaßnahmen, wie es partiell in der Arbeitstherapie erfolgt, weiter ausgebaut werden sollte, um „eine am individuellen Bedarf orientierte Teilhabe an allen Bereichen des sozialen Lebens für alle […] zu ermöglichen“ (S.243). Dazu gehöre auch ein Paradigmawechsel in der beruflichen Wiedereingliederung „Supperted Employment“, auf welches Holger Hoffmann in seinem Beitrag in diesem Buch mit dem Title „Supperted Employment – Erst platzieren, dann trainieren“ genauer eingeht. 

Auf Strategien zur regionalen Umsetzung des Funktionalen Basismodells gehen zum Schluss die Autoren Raoul Borbé, Ingmar Steinhart und Günther Wienberg differenzierter ein, wobei sie auf die Missverhältnisse zwischen der Initiierung von Modellprojekten und deren Generalisierung in der Versorgungspraxis hinweisen und die Forderung eine neue justierte Balanced Care-Versorgung anzustreben (ausbalanciertes System von ambulanten und institutionsgebundenen Unterstützungsangeboten. Gleichzeitig fordern sie eine Aufhebung der sektoralen Finanzierungsgrenzen und eine Kooperation bisheriger Einzelleistungen. 

Generell klingt das Konzept gut. Einige Individualisten (Autoren) haben partielle Aspekte davon auch in ihrer Praxis angewandt, verwenden Nischen, um die Bedarfsplanung individuell gestalten zu können und der Grundidee des funktionalen Basiskonzepts entsprechen zu können. Allerdings steckt dahinter sehr viel Engagement und lässt sich nur schwer im Gesundheitssystem auf Grund der bisherigen Strukturen manifestieren. Obwohl die Ansätze gut sind und sich äquivalentes (wenigstens im therapeutischen Kontext, Netzwerke, welche zusammenarbeiten zum Wohle des Klienten) in der DBT-Behandlung wiederspiegelt. Jedoch auch nicht in einem so enormen Umfang, wie es hier von den Autoren gefordert wird. 

Sicherlich gibt es noch weitere wichtige Aspekte zu beachten, bis sich unsere Gesellschaft dem Konzept hier zunehmend nähert. Und zwar nicht nur Nischenhaft, wie derzeit. 

Fazit: 
In dem Buch wurden viele gute Ideen zusammengetragen, aus welchen der Leser Anreize für sich und seine Arbeit ziehen kann. Besonders gut haben mir die graphischen Abbildungen gefallen, welche die jeweiligen Konzepte/Modelle noch einmal zusammenfasste und einen Überblick über sie vermittelte. Allerdings ist das funktionale Basismodell eher etwas für Individualisten, welche bereit sind, sich gegen die breite Masse zu stellen und Netzwerke (stationäre und ambulante) aufzubauen, um im kleinen Bereich das Geforderte umsetzen zu können. Denn dass bisher die mobile Betreuung oft nach der stationären Behandlung zu kurz kommt, dürfte vielen von uns klar sein. Oft gibt es keinen lückenlosen Übergang von der Klinik in die ambulante Therapie oder der beruflichen Rehabilitation, in der sozialen Umgebung sowie wenig Kommunikation zwischen den jeweiligen Institutionen. 

Das Modell weist einen wissenschaftlich untermauerten möglichen Weg der psychiatrischen Versorgung für die Zukunft auf. Es verdeutlicht die Relevanz von Verzahnungen zwischen den einzelnen Bereichen in Form von Netzwerken, welche nicht jeder für sich allein, sondern zusammenarbeiten.  Sicherlich lassen sich die ein oder anderen Aspekte noch verfeinern, spezifizieren, bis sie von der breiten Masse als „Akzeptable“ in der Grundversorgung angenommen werden und angestrebt werden. Auf Jeden Fall ein interessantes Modell, mit viel Potential und weiteren Entwicklungsmöglichkeiten. 

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