RACHAEL SAGE: Live in Köln (Haunted By You Tour), Support: Taka JC

RACHAEL SAGE: Live in Köln (Haunted By You Tour), Support: Taka JC Hot

Nico Steckelberg   27. Februar 2013  
RACHAEL SAGE: Live in Köln (Haunted By You Tour), Support: Taka JC

Bericht

Veranstaltungsort
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Veranstaltungsdatum
24. Februar 2013
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Hörspiegel-Bericht

Es muss etwa um die Jahrtausendwende herum gewesen sein, als mir eine Freundin den Namen einer New Yorker Singer-Songwriterin aufschrieb. „Hör‘ Dir das mal im Internet an. Klingt toll!“
Der Name der Musikerin: Rachael Sage. Ihre Musik: So ansprechend, dass ich mir die beiden damals erschienenen Alben „Morbid Romantic“ und „Smashing The Serene“ sogleich bestellte. Natürlich als Import, denn in Deutschland war Rachael Sage seinerzeit erst durch einige wenige Livegigs bekannt.

Fortan verfolgte ich jede Albumveröffentlichung und hatte vor etwa 12 Jahren schon einmal die Chance, Rachael Sage live zu sehen. Damals im Club Cosmotopia in Dortmund. Seither hat Rachael Sage viele Alben produziert und die halbe Welt betourt. Im Rahmen ihrer aktuellen Europa-Tournee möchte ich unbedingt einmal wieder ein Konzert dieser äußerst kreativen Künstlerin besuchen.

Der letzte Gig dieser Wintertour 2013 findet in Köln statt. Der Live Music Club Barinton liegt gut erreichbar in Köln Ehrenfeld. Parkplätze gibt es genug dank eines gleich nebenan befindlichen Lebensmitteldiscounters. Das Innere des Barinton macht einen sympathischen und familiären Eindruck. Kleine Bühne, ansprechende Bar, gemütliche Sitzgelegenheiten. Die rustikalen Deckenbalken vermitteln ein organisches Ambiente. Überrascht bin ich lediglich über die auffallend geringe Anzahl von Besuchern. Das ermöglicht jedoch den Fans in Dialog zur Künstlerin zu treten. Denn Rachael Sage sitzt ganz gemütlich ins Gespräch vertieft im Zuschauerbereich des Clubs. Bei ihr gibt es offenbar keinerlei Backstage-Allüren. Ein paar Autogrammwünsche später setzt sich Rachael neben mich an die Bar um etwas zu bestellen, und so nutze auch ich die Chance zum Gespräch. Ich frage sie, ob sie froh sei, morgen endlich wieder nach Hause zu fliegen.
„Nein, gar nicht so sehr“, erklärt sie schmunzelnd. „Ich mag das Gefühl sehr gern, auf Tour zu sein. Es ist ein guter Ausgleich. Aber nach Hause zu kommen ist natürlich auch schön.“ Leider habe sie einige Konzerte in Großbritannien nicht wahrnehmen können, weil sie stark erkältet gewesen sei. „Dank meines Docs geht es mir jetzt aber wieder richtig gut.“
„Und wenn du zurück in den USA bist, warten schon die nächsten Gigs auf dich?“ frage ich.
„Ja, ich werde einige Shows in Texas spielen. Unter anderem auf dem SXSW Music Festival, das wird gut werden. Ich werde auch einige Konzerte zusammen mit einer Band namens A Fragile Tomorrow spielen. Die Jungs sind toll!“
Rachaels Getränk ist fertig: Ein Glas heißes Wasser mit drei dicken Zitronenscheiben.
„Spielst du heute Abend hauptsächlich Stücke von deinem neuen Album ‚Haunted by you‘?“ frage ich.
Sie füllt Zucker in ihr Glas, hebt die Augenbrauen, zuckt mit den Schultern und sagt: „Wer weiß? Ich spiele nicht nach Setliste. Gibt es einen Song, den Du gern hören möchtest?“ Den gibt es in der Tat. „Weißt du was? Ruf ihn mir gleich zu, wenn ich auf der Bühne stehe! Dann fühle ich mich wie ein Rock Star!“
Ich muss lachen.

In diesem Moment betritt der Vor-Act die Bühne. Es ist ein dunkelhäutiger junger Mann mit wuscheliger Haartracht, der sich ebenfalls zuvor im Publikumsbereich tummelte. Er stimmt seine Gitarre, befestigt einige Percussion-Elemente an seinen Füßen und beginnt – ganz unvermittelt – seine Ansage. Keine Lichteffekte, kein gar nichts. Braucht er auch nicht.
„Ja, hallo Leute, ich bin Taka. Ich finde es super heute hier spielen zu können, danke an Georges“, sagt er, nickt dem Mann im Geïst-T-Shirt hinterm Mischpult zu und beschreibt seinen ersten Song des Abends: „Es ist ein Stück über das Älterwerden. Das ist ein ziemlich mieses Gefühl, wenn man aus dieser kindlichen Traumwelt aufwacht.“ Er sagt all das mit so viel jugendlichem Enthusiasmus, dass man sich unwillkürlich fragt, wann bitteschön dieser Künstler denn eine solch melancholische Erfahrung hat sammeln können. Der Song handelt von der Richmond Street. Er nimmt das Publikum vom ersten Augenblick an gefangen. Der Zauber resultiert aus der gekonnten Mischung aus Atmosphäre, Songwriting, Takas warmer, leicht angerauter Stimme und der ausgeklügelten Spieltechnik. Die Bassdrum (Cajon) und Snare-Klack spielt Taka mit dem rechten Fuß, während auf seiner linken Fußspitze ein Shaker mit festgetaped ist. Taka zupft seine Gitarre, klopft hier und da, erzeugt Geräusche, arbeitet mit Obertönen und benutzt den Resonanzkörper als Percussion-Instrument. Zusammen mit der restlichen Rhythmik seiner Füße ergibt sich ein unfassbar volles Klangbild, und das alles durch einen Mann und seine Gitarre.
Auch das nachfolgende akustische Blues-Stück „Summertime Blues“ entführt uns in die Richmond Street, bevor Taka die leider nach wie vor wenigen Zuschauer zum Mitklatschen animiert. Ein funkiges Stück, das Drive und Charme hat. Mindestens genauso viel Charme wie Takas noch leicht unbeholfen aber sehr sympathisch wirkenden Ansagen. Er kommt wie der nette Kerl von Nebenan herüber, hat aber während seiner Songs eine enorme Bühnenpräsenz, ganz wie ein alter Hase.
Nach einem traurigen Stück, das Taka nach einer durchzechten Nacht und in alkoholisierter Melancholie geschrieben hat („Ist euch aufgefallen, dass das Lied nur 2 Strophen hat? Ich bin dann halt irgendwann eingeschlafen, muss mal gucken, ob da noch was kommt oder ob es einfach so bleibt…“) covert er Michael Jacksons „Billy Jean“. Taka orientiert sich stark an Chris Cornells Version, spielt den Song also langsam, emotional und viel schwermütiger als Jacksons Original.
Für sein letztes -Stück des Abends setzt sich Taka an Rachael Sages E-Piano. Hier wird spätestens klar: Taka ist ein Vollblutmusiker. Die Wow-Momente, die er an der Gitarre hatte, setzt er mühelos mit den ersten Klängen am Piano fort. Sein Klavierspiel entlockt sogar Rachael, die noch immer (oder schon wieder?) neben mir an der Bar sitzt, ein beeindrucktes „Awwww! Very nice!“.
„I can’t make you love me if you don’t…“ singt er, und seine Zuschauer zerschmelzen geradezu dahin. Es gibt tosenden Applaus, völlig zu Recht. Es würde mich wundern, wenn Taka nicht bald auf größeren Bühnen steht. Absoluter Geheimtipp!

Nun gibt es den fliegenden Wechsel. Taka verlässt die Bühne, begibt sich wieder ins Publikum, Rachael betritt die Bühne, richtet sich ein, während sich ihre Ein-Mann-Vorband an der Bar etwas zu Trinken bestellt. Der Platz neben mir scheint beliebt zu sein, es ist derselbe, auf dem Rachael gerade eben noch saß.
„Tolle Songs. Ich würde gern mehr von dir hören“, sage ich. „Hast du schon ein Album draußen?“
„Danke. Mal sehen, dieses Jahr wird vielleicht eines kommen“, erklärt er mir. Im weiteren Gesprächsverlauf erfahre ich, dass Taka bislang vor allem als Auftragsmusiker unterwegs war. TV Noir und Voice of Germany zählen zu seinen Referenzen.
Ich will mehr Taka! So schnell wie möglich. Labels, unbedingt diesen Künstler ins Auge fassen! Mehr unter https://www.facebook.com/takajc.

Aber jetzt geht es erst mal weiter, der Hauptact des Abends ist an der Reihe: Die New Yorkerin Rachael Sage und ihre Violinistin Kelly Halloran. Rachael erzählt zwischen ihren Songs viel über sich selbst, die Entstehung der Songs, die Tour. Sie ist nicht nur Bühnenmusikerin, sondern im besten Sinne des Wortes eine gute Entertainerin.
„You came to me like lightning…” Der Song „Bravedancing“ (Album “Public Record”) ist wohl der perfekte Opener für diesen Abend. Das Zusammenspiel von Rachael am Gesang und Klavier und Kelly Halloran an die Violine ist harmonisch, sowohl was die Ansagen angeht (sie werfen sich gern „Bälle“ zu), als auch bezüglich der Songs. Oft improvisieren die beiden auf der Bühne. Noch nicht so sehr bei dem Stück „Trouble“ (Album „Illusion’s Carnival“), das ist noch gemeinsam einstudiert und herrlich beschwingt, sondern erstmals so richtig bei dem live erdachten Bühnenstück „Kelly’s Latte“, bei dem Rachael frei erzählt und recht virtuos (und auch mal disharmonisch) auf dem Klavier spielt, während Kelly sie durch die Tonart-, Genre- und Taktwechsel hindurch begleiten muss. Sicher alles andere als einfach, und gerade deshalb sehr amüsant zu betrachten.
Es folgt eines meiner Lieblingsstücke, „Sistersong“ (Album „Smashing The Serene“), das diese gewisse Art von Wehmut, aber auch enorm viel Dynamik mit sich bringt. Das Stück funktioniert bestens auch ohne Drums, ab und zu stampft die Sängerin fest mit den Füßen auf um dem Song noch mehr Kraft zu verleihen. Kellys Geige kommt vor allem in den Soloparts super zur Geltung. Sie hat einen gewissen Country-Touch in ihrem Violinenspiel. Super!
Etwas ernster wird die Stimmung bei „What if“ (Album „Public Record“), ein Stück über Verlust und Wehklagen. Kelly kennt den Song bisher noch nicht, improvisiert jedoch vortrefflich. Danach stellt Rachael ihre aktuelle Single „Invisible Light“ vom neuesten Album „Haunted By You“ vor. Dazu wechselt sie das Instrument und spielt die Akustikgitarre. Es ist ein Tanz zwischen ihr und dem „Autolightning“, wie sie sagt. Denn sie interessiert sich brennend dafür, wie diese Lichtmaschine funktioniert und wie sie das Geflacker und die Farbwechsel mit ihrem Gitarrenspiel beeinflussen kann. „Invisible Light“ ist ein toller Song, typisch Rachael Sage.
Nach einer kurzen Anekdote darüber, dass sie sich bei dem Versuch English Cookies aus dem Frühstücksraum eines Hotels zu stibitzen die Nase an einer Glastür angeschlagen habe, singt sie den Song „Happiness“, dessen Titel ich irrtümlicherweise zunächst als „Happy Nose“ verstehe. Wie unpassend!
Kritik an der Mainstream-Musikszene übt die Songwriterin mit dem Stück „Big Star“ (Album „Delancey Street“), das von einer befreundete Musikerin handelt, die vom der EMI nach größerem Hype wieder fallen gelassen wurde, weil sie nur 300.000 Einheiten verkaufte. Um das Stück zu zelebrieren leiht sich Rachael Kellys silberne Rockstar-Jacke.
Das Konzert nähert sich der Mitte, und so kommen erste Publikumswünsche an die Reihe. Zum Beispiel das wunderschöne „Wildflower“ (Album „The Blistering Sun“), das auch ohne die Bläser der CD-Version viel Kraft in sich hat. Auch hier improvisiert Kelly im Western-Style, was dem Stück eine ganz andere Farbgebung verleiht.
Mit „Everything“ (Album „Haunted By You“) wird es dann noch einmal sehr verträumt und magisch. Die Zeit scheint still zu stehen. Das Stück widmet die Sängerin ihrem Londoner Arzt, der sie wieder fit gemacht hat. Ein Mann, dem auch das Publikum zu Dank verpflichtet ist, da er diesen schönen Abend ermöglicht hat.
Bei „Hey nah“ („Haunted By You“) spielt Rachael neben dem Piano eine lustige Kazoo und animiert zum Mitsingen. Wie der Titel des Songs schon offenbart, sind die Lyrics nicht allzu komplex. Und alle machen mit. Cooler Wahwah-Effekt auf Kellys Violine bei diesem Stück! Wir bleiben noch einmal beim neuen Album: „California“, eine traurige Piano-Ballade und „Abby would you wait“, zu dem es ein schönes YouTube-Video gibt folgen. Danach gibt es einen ganz neuen Song mit „Wishing Day“. Inspiriert wurde er durch die Band, mit der sie demnächst tourt: A Fragile Tomorrow. Als sie einen ihrer Brüder verloren und dies auf ihrer Facebookseite publik machten, war Rachael so ergriffen, dass sie ihre Gefühle in einem Song zum Ausdruck brachte. Dies ist also der neue Song. Emotional und ergreifend, aber auch mit dem gewissen Funken Hoffnung.
Eigentlich ist das Konzert jetzt zu Ende, aber Rachael Sage hat noch keine Lust zu gehen. Der Flieger geht erst morgen früh von Amsterdam aus nach Ney York zurück, und es ist noch etwas Zeit. Zeit für etwas Besonderes: Rachael verlässt die Bühne und stellt sich mitten in den Publikumsraum, animiert Kelly es ihr gleichzutun. Hier performt sie ein A-cappella-Stück, zu dem sie tanzt und klatscht. Kelly versucht ihr dabei auf der Violine zu folgen, was sich aber als eine halsbrecherische Angelegenheit herausstellt. Unterhaltsam und witzig.
Als Zugabe spielt sie dann noch ein weiteres Stück am Piano: „Haunted By You“, den Titeltrack des neuen Albums.
Das war’s jetzt aber.
Oder doch nicht?
Die Leute hören einfach nicht auf zu klatschen. Kurzerhand macht Rachael einen Flic Flac vor den Augen ihrer überraschten Fans. Das ist echte Performance Art! Gutes Stichwort für den – nun aber wirklich – aller-aller-letzten Song des Abends: „Performance Art“, ebenfalls vom neuen Album „Haunted By You“.

Das war der Abend. Von Anfang bis Ende bezaubernd, intim, familiär, unterhaltsam und immer mit dem Gefühl, Teil eines auserwählten Publikums zu sein. Denn obgleich sich eine bekannte Künstlerin wie Rachael Sage gewiss ein größeres Publikum gewünscht hätte, gibt sie alles und baut mit ihrer fröhlichen Bühnenpräsenz mögliche Distanzen zum Publikum sofort ab. Es geht hier nicht um die große Show oder um das große Geld. Es geht darum, Musik zu machen und Menschen zu begeistern und zu bewegen. Das haben alle drei Musiker des Abends auf ihre Weise geschafft: Taka, Kelly und Rachael.

Einerseits hätte es mich für die Künstler und den Club gefreut, wenn Köln ein größeres Publikum bereit gestellt hätte. Aber so ist das eben, die wirklich magischen Momente passieren oft im Stillen. Ich bin froh, Teil eines so erlauchten Kreises gewesen zu sein.

Rachael Sage kommt im Juli 2013 zurück nach Europa. Und Taka JC, nun, von ihm werden wir hoffentlich auch sehr bald mehr hören.

(Danke an Georges und das Barinton-Team, www.Barinton.com)

Weblink

http://www.RachaelSage.com

https://www.facebook.com/takajc

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