Der Assistent / Die Unmöglichen / Ruhe 1

Der Assistent / Die Unmöglichen / Ruhe 1 Hot

Nico Steckelberg   23. Januar 2010  
Der Assistent / Die Unmöglichen / Ruhe 1

Rückentext

Der Assistent:
Ein Mann aus der Wirtschaftswelt hat mit allem gebrochen und will nun etwas Soziales tun. Er sucht sich einen neuen Job bei einem ambulanten Dienst, als Assistent einer komplett gelähmten Frau. Sie braucht Hilfe - rund um die Uhr - um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Ihre Privatsphäre wird damit sein Arbeitsplatz.
Paul Plamper und Nils Kacirek erzählen vom Aufeinandertreffen eines ungleichen Paares. Im Mikrokosmos einer sozialen Dienstleistung spürt ihr Hörspiel den Machtstrukturen nach und führt uns in einen Konflikt, der die Grenzen zwischen behindert und nicht-behindert aufzulösen scheint.
Das Hörspiel wurde mit einem Ensemble aus Laien und Schauspielern (darunter auch körperlich und geistig behinderte Menschen) größtenteils in Improvisationen erarbeitet.

Die Unmöglichen:
DIE UNMÖGLICHEN handelt von Präimplantationsdiagnostik (PID), einer Methode, die Eltern ermöglicht, Erbkrankheiten und Behinderungen ihres Kindes bereits im Embryonalstadium durch einen Gencheck auszuschließen. Bei der PID werden mehrere Embryonen durch künstliche Befruchtung gezeugt, von denen der gesündeste zur Implantation in die Gebärmutter 'ausgewählt' wird. Gerade in Deutschland wird in diesem Zusammenhang diskutiert über die Themen Designerbaby, Selektion, Eugenik. Das deutsche Embryonenschutzgesetz verbietet die Methode.
Wenn eine schwangere Frau bei einer Untersuchung des Embryos erfährt, dass ihr Kind mit Down- Syndrom geboren wird, entscheidet sie sich in neun von zehn Fällen für einen Abbruch der Schwangerschaft. Mit der neuen Präimplantationsdiagnostik können inzwischen bis zu 7000 Merkmale für spätere Behinderungen und Krankheitsrisiken ausgeschlossen werden, darunter Brustkrebs, starke Hornhautverkrümmung, Schizophrenie. Ist es nicht fahrlässig, diese Möglichkeit nicht wahrzunehmen?
Ein deutsches Paar reist nach England, um in einer Privatklinik per In-Vitro-Fertilisation ein Kind zu zeugen. Drei Embryonen entstehen. Nur einer von ihnen wird eingepflanzt werden. In diesem Moment beginnt eine 'spekulative Vorschau' auf die wichtigsten Ereignisse zwischen Geburt und Tod. In einer Parallelmontage erzählen Plamper & Kamphausen die drei möglichen Leben der Embryonen und untersuchen die Fragen: Was macht das Leben glücklich? Ist die DNA wirklich der alles bestimmende Bauplan? Welches der drei Leben ist das lebenswerteste? Zu hören sind drei Möglichkeiten, von denen nur eine gewählt werden kann, die 'Unmöglichen'.

Ruhe 1:
2008 entwickelte Paul Plamper für das Museum Ludwig und den WDR ein Hörspiel im Raum. Ein 'Audio-Lokal' in einem Saal mit leeren Tischen und Stühlen. Aus Lautsprechern tönt die Geräuschkulisse eines voll besetzten Cafés. Der Besucher kann sich einen Weg durch die Tische suchen, Platz nehmen und die einzelnen Unterhaltungen belauschen.
Plötzlich durchschneidet ein Ereignis die Szene. Ein Vorfall draußen auf der Straße lässt die Gespräche an den Tischen verebben. Ein Mann und eine Frau streiten sich. Beide krachen gegen die Fensterscheibe des Cafés. Der Streit eskaliert. Man müsste einschreiten, helfen. Ein Moment von Ruhe entsteht im Raum. Ruhe, in der beides möglich ist: Einmischung oder Distanz.
RUHE 1 untersucht eine plötzlich entstandene Ruhe als Politikum. Das Hörspiel seziert das komplexe Verhalten einer Gruppe durch konsequente Auffächerung in die verschiedenen Perspektiven und Haltungen - die einzelnen Bequemlichkeiten, Ängste, Selbstsüchte, Unaufmerksamkeiten und Mutanflüge. Aus dem scheinbaren Nebeneinander alltäglicher Cafégespräche wird in diesem multidimensionalen Hörspiel eine Gemeinschaft, die eine Entscheidung trifft.
Ausgangspunkt für die Radioversion von RUHE 1 ist die räumliche Anordnung der Tische im Museum Ludwig. Sie wurde in eine dramatische Form übersetzt, die den Raum und die Gleichzeitigkeit seiner Tischgespräche durch Zurückspulen und Repetition erzählt. Der Hörer erlebt den Vorfall nacheinander aus 11 verschiedenen Blickwinkeln.

Hörspiegel-Meinung

Story/Inhalt 
 
10,0
Atmosphäre 
 
10,0
Sprecher 
 
10,0
Soundtrack 
 
10,0
Aufmachung 
 
7,0
Gesamtwertung 
 
9,4

Die Hörspiele von Paul Plamper sind immer etwas besonderes. Ich erinnere mich noch gern an „Henry Silber geht zu Ende“, und noch heute gehört „Top Hit leicht gemacht“ zu meinen absoluten Favourites. Entsprechend erfreut war ich, die Website vom Hörspielpark zu entdecken. Hier stellt Paul Plamper (derzeit) drei Hörspiele vor, die er (teilweise zusammen mit Autorenkollegen) geschrieben hat. Um es vorweg zu nehmen. Alle drei sind absolut empfehlenswert!

Der Assistent:
Man stelle sich vor, behinderte Menschen bekommen ein Budget vom Staat, das Ihnen ermöglicht, persönliche Assistenten einzustellen. Diese Assistenz ersetzt Hände und Beine, sollte aber die eigene Persönlichkeit möglichst komplett zurück fahren. Welche Konflikte dabei entstehen können und wie schnell sich die eigene Persönlichkeit zur Behinderung entwickelt, weil sie für die Aufgabe der persönlichen Assistenz unerwünscht ist, beschreibt dieses Hörspiel von Paul Plamper und Nils Kacirek.

Die Unmöglichen:
Dieses Hörspiel bewegt ganz einfach. Es ist eine fiktive Geschichte, die aber durchaus so passieren könnte. Die Präimplantationsdiagnostik ermöglicht es: Sie ermöglicht die Untersuchung eines künstlich gezüchteten Embryos vor der Implantation in die Gebärmutter. „Die Unmöglichen“ beginnt mit einem positiven Ergebnis: Drei überlebensfähige Embryos sind im Labor aus der Befruchtung entstanden. Nun müssen die künftigen Eltern entscheiden, welchen der drei sie implantieren möchten. Eine schicksalsträchtige Entscheidung. Paul Plamper und Julian Kamphausen blicken in die Zukunft und halten alle drei potenziellen Schicksale nebeneinander. Ich habe nie ein Hörspiel gehört, das mich emotional stärker bewegt hat!

Ruhe 1:
Dieses Hörspiel entstand in Zusammenarbeit mit dem Museum Ludwig und dem WDR eine Hörspiel-Installation, die es dem Besucher / Hörer ermöglicht, Gast an verschiedenen Tischen eines Cafés zu sein. An jedem Tisch hört er eine andere Unterhaltung. Mal sind es Jugendliche, mal ältere Menschen, eine Frauenkampfsportgruppe, Business-Leute, eine Familie, Verliebte usw. Was die Gespräche verbindet: Ein Ereignis vor dem Café, das alle mit ansehen. Der Hörer kann sich lediglich an Hand der Reaktionen der Cafébesucher die Szene vor der Tür vorstellen: Eine Frau wird offenbar brutal von einem Mann verprügelt. Doch: Niemand unternimmt etwas! Ein erschreckender Spiegel, den Paul Plamper seinen Hörern akustisch vor Augen führt. Beeindruckend, beängstigend, bewegend!

Fazit:
Diese drei Hörspiele sind Realismus pur. Die Sprecher, die Atmos und der Schnitt machen daraus Tondokumentationen. Alles wirkt wie eine Reality-Show. Die Sprecher klingen so echt, als seien sie so wie sie sind aus dem Leben gerissen. Ganz tolle Leistung!

Hörenswert, hörenswert und nochmals hörenswert! Die intelligentesten Hörspiele, die ich seit langem zu Ohren bekommen habe. Direkt bestellbar unter dem o.a. Weblink (CD oder Download).

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