BRUCE SOORD: Über das Touren, Prog und 5.1

BRUCE SOORD: Über das Touren, Prog und 5.1 Hot

Alina Jensch   28. Januar 2017  
Promofoto Bruce Soord

Interview

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Einleitung
THE PINEAPPLE THIEF sind gerade mit ihrem neuen Album "Your Wilderness" auf Europa-Tour. Vor ihrem Auftritt in Oberhausen am 25. Januar hatte ich die Gelegenheit mich mit Multitalent BRUCE SOORD zu unterhalten. Dabei interessierte mich nicht nur sein musikalisches Schaffen, sondern auch wie er zum Thema Prog steht!
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Das Interview

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Erzähl doch mal, wie läuft die Tour bisher?
 
Wirklich gut! Als Band hat man es nicht immer leicht die Touren zu finanzieren und erfolgreich damit zu sein. Mit den letzten Touren haben wir sogar eine Menge Geld verloren. Man würde es nicht erwarten, aber man denke nur an die Crew, die Hotels und alles – die Kosten sind einfach enorm. Das ist auch der Grund, warum viele Bands heute VIP-Tickets und Meet & Greets anbieten. Sie versuchen verzweifelt ihre Rechnungen zu bezahlen. Bezüglich dieser Tour haben wir uns gesagt: Wenn wir es nicht schaffen mehr Tickets zu verkaufen wird es vielleicht unsere letzte Tour.
 
Wir haben also wirklich Glück – heute Abend ist ausverkauft und in Aschaffenburg gestern war es richtig voll, beinahe ausverkauft. Klopf auf Holz dass dies nicht unsere letzte Tour ist. Ich glaube auch, dass es für viele ein großer Anreiz ist, dass wir Gavin [Harrison] mit auf Tour haben. Bisher ist die Tour also eine positive Überraschung!
 
Auf eurer letzten Tour wart ihr auch hier im Zentrum Altenberg, allerdings in einer kleineren Halle und die wurde bei weitem nicht voll. Es waren echt wenige Leute da.

Ja, es war nicht einmal halb voll.

Habt ihr denn ein gesteigertes Interesse an dieser Tour erwartet? Oder sogar dass ihr Shows ausverkauft?

Wir erwarten immer einen gewissen Anstieg. Aber als wir beispielsweise letztes Mal in Aschaffenburg gespielt haben kamen gerade einmal 50 oder 60 Leute um uns zu sehen und gestern waren es knapp 500! So etwas erwartet niemand. Und die Show heute war schon vor 2 Wochen oder so ausverkauft; und der Promoter sagte, dass wirklich keiner damit gerechnet hat. Ich habe die Zahlen gesehen, letztes mal hatten wir hier 170 Besucher und heute sind es mehr als doppelt so viele! [Anm. d. Autorin: Das Eisenlager fasst 500 Personen] Kurz gesagt: Nein, niemand hat erwartet so viele Tickets zu verkaufen und das ist zur Abwechslung mal ein schönes Gefühl!
 
Lass uns über euer neues Album "Your Wilderness" sprechen. Es ist wirklich ein tolles Album! Es wurde gesagt, du hättest mit diesem Album "deine Prog-Wurzeln wiederentdeckt"...
 
Ich wusste, dass dieser kleine Satz mich verfolgen würde! Für mich lassen sich "Someone Here Is Missing", "All The Wars" und "Magnolia" sozusagen zu einer Gruppe von Alben zusammenfassen mit denen wir in eine bestimmte Richtung gingen. Und dann nahm ich etwas Abstand und dachte "Ist das wirklich die Richtung in die ich gehen will?"
Für mich war es, als hätte ich all mein Potenzial in dieser Richtung ausgeschöpft. Für dieses Album habe ich mich dann ein wenig für eine "Nimm alles so, wie es kommt" Herangehensweise entschieden statt zu sagen, das Album muss mehr Rock sein oder wir brauchen mehr radiotaugliche Songs. Nicht, dass das je ein bestimmender Faktor für uns war, aber wenn ich ehrlich bin, haben auch wir uns mit dem berüchtigten "Übergang" beschäftigt – der, wo du zwar Teil des Progressive Rock Marktes bist, aber gerne den Schritt rüber in den Mainstream schaffen möchtest. Viele Bands reden darüber, dass sie das gern schaffen würden.
Diesmal dachte ich, dass ich mir nicht den Kopf darüber zerbrechen und einfach die Musik machen sollte, die ich machen will. Es klingt vielleicht ein bisschen danach als hätte ich mich mit "Magnolia" einem breiteren Publikum anbiedern wollen, das stimmt aber nicht.
 
Und was die Prog-Wurzeln angeht, so habe ich in meiner Jugend gerne diese Progressive Rock
 
Bands der 70er gehört und bin damit im Hinterkopf an das neue Album herangegangen.
 
Du hast dich also nicht hingesetzt und gesagt, du willst jetzt...

...ein Prog Album machen! Nein. Es ist sowieso kein Prog Album in dem Sinne.
 
Als wir uns das letzte Mal unterhalten haben, hast du gesagt, dass du es nicht magst, wenn Leute "Magnolia" als Progressive bezeichnen, auch wenn das wahrscheinlich die meisten Leute getan haben. Wie denkst du heute darüber?
 
Ich sehe das jetzt viel entspannter. Es gab früher eine Menge Bands in der Progressive Arena mit denen ich nicht assoziiert werden wollte. Und damit meine ich die Art Prog, die ein bisschen kitschig ist. Mit dem Begriff Prog ist es manchmal etwas schwierig. Manchmal möchte man einfach nicht, dass Leute sofort an diese und jene Art von Musik denken, wenn du sagst, du spielst Prog. Aber jetzt denke ich, dass es so viele großartige Bands in dieser Schublade gibt mit denen ich gerne assoziiert werde. Das Progressive Genre hat sich auch sehr verändert. Da mischen jetzt Bands wie Opeth mit und natürlich Porcupine Tree als sie noch aktiv waren, Steven Wilson... und die würden ihre Musik auch als Progressive bezeichnen. Und das, obwohl sie nichts zu tun haben mit dem „Zauberer & Umhänge“ Image [Anm. d. Autorin: Vermutlich eine Anspielung an die Fingerfertigkeit und Kostüme von Yes.], das viele Leute in ihren Köpfen haben, wenn du denen sagst, dass du eine Progressive Rock Band bist. Die denken an Umhänge und Gitarrensolos.
 
Extravagante Käuze, die nur technisch anspruchsvolles Zeug spielen.
 

Ja so ungefähr. Und das sind wir einfach nicht. Ich wollte nicht, dass Leute denken wir würden solche Musik machen wenn wir doch eigentlich einfach eine Rockband sind. Aber jetzt sehe ich die ganze Sache entspannter.
 
In letzter Zeit nehme ich immer mehr Prog-Einflüsse, insbesondere im Metal, wahr und anscheinend wird es auch immer populärer wenn man sich etwa den Erfolg von Katatonias "The Fall Of Hearts" oder Opeths "Sorceress" anschaut. "Sorceress" war sogar auf Platz 1 der Deutschen Albumcharts was ich ziemlich beeindruckend finde, erst recht, da es ein Album mit vielen Prog-Einflüssen und nicht so ein typisches Metal Album wie früher ist.
 
Ja, absolut. Und das amüsiert mich bei Opeth auch ein wenig: Das Internet ist voll mit Leuten, die  meckern, dass sie die neue Richtung von Opeth hassen. Die wollen die Growls und den Death Metal zurück. Gleichzeitig verkaufen sie jetzt mehr Alben als je zuvor! Also irgendetwas machen sie wohl richtig.

Glaubst du, dass Prog bald mainstream sein wird?

Hm, es wird auf jeden Fall immer populärer. Schau dir Opeth an - die sind auch in den Staaten sehr erfolgreich, oder Porcupine Tree. Als die ihre Aktivitäten auf Eis legten hatten sie gerade ihren Durchbruch zu einem größeren Publikum. Es ist ein gutes Zeichen. Ich glaube viele Leute sind gelangweilt von dem, was gerade den Mainstream definiert und suchen nach etwas anderem.
 
Nochmal zurück zu eurem Album: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Gavin Harrison und Darran Charles?

Darran kenne ich schon, seit sie [Godsticks] 2011 ein paar UK Shows für uns eröffnet haben. Er hat schon auf meinem Soloalbum Gitarre gespielt und nun auch auf diesem. Wir schicken uns immer Demos wenn wir Songs schreiben und es kam ganz natürlich, dass er ein paar Gitarrenparts hinzufügte und jetzt könnten wir ohne ihn gar nicht live spielen!
 
Und Gavin... wir hatten keinen Drummer mehr und fragten uns, wen wir als Session Drummer anheuern könnten. Gavin war ein heißer Favorit, also schrieb ich ihm eine E-Mail und er war dabei!
 
Dass Gavin zugestimmt hat die Tour mitzumachen ist ein absoluter Bonus da er natürlich sehr
mit King Crimson beschäftigt ist. Mit uns unterwegs zu sein ist da eine völlig andere Art zu Touren. Aber wir haben Spaß und es gefällt ihm.
 
Hatten die beiden auch Einfluss auf das Songwriting?

Ja, und wie. Ich hatte die Songs zwar schon geschrieben aber ich ließ Gavin freie Hand was das Schlagzeug anging. Wenn ich Songs schreibe programmiere ich Drums dazu und manchmal lege ich auch den Beat fest den ich haben möchte. Aber Gavin nahm alles raus was ich vorgelegt hatte und kam mit gänzlich anderen Drumparts zurück – was klasse ist! Er hat mit seiner Kreativität die Songs zum Leben erweckt. Er ist ein richtig musikalischer Typ und mehr als nur ein Schlagzeuger. Er schreibt auch selber Songs, hat ein Studio in seinem Haus und alles. Er hat also eine Menge zum Album beigetragen.
 
Mit Darran war es zum Teil ähnlich. Er hat uns in gewisser Weise eine neue Perspektive eröffnet, da er ein sehr technischer Gitarrist. Es ist schön auch mal so jemanden dabei zu haben.
 
Dabei feiert man dich doch auch als herausragenden Gitarristen! ;)
 

Oh nein, ich sehe mich definitiv nicht als solchen. Ich finde mich eher funktional.
 
Vor Kurzem hast du dein erstes Soloalbum veröffentlicht und letzten November hast du damit Steven Wilson in den USA begleitet. Ich habe von Visum-Problemen gelesen, dass du ein paar Shows verpasst hast, ganz alleine gereist bist und bis zu 8 Stunden am Stück fahren musstest.
 
Ja, ich bin 3000 Meilen gefahren. Es war toll, ich fuhr durch Arizona, Utah... das war richtig Rock'n'Roll. Nur ich, ein paar Akustikgitarren, eine Tasche und ein Auto. Ein richtiger Roadtrip. Ich wurde sogar ein paar Mal von der Polizei angehalten, das war gruselig.
 
Was hast du angestellt?

Ich glaube ich bin 84 [mph] gefahren wo man nur 80 durfte oder sowas. Aber das war in Wyoming und die sahen, dass ich einen Mietwagen mit LA-Kennzeichen fuhr und dachten sich "Lass uns den mal anhalten!".
 
Aber der Trip war großartig. Als Steven mich fragte, sagte er "Du willst es wahrscheinlich nicht machen, da es im Bus keinen Platz mehr gibt, aber wenn doch..." und ich sagte zu, stieg ins Flugzeug und dachte yeah, ich mache es!
 
Und wie war das so als Ein-Mann-Show? Wie reagierte das Publikum?
 

Die waren toll! Die waren fantastisch! Im Vorfeld war ich sehr beschäftigt, dann kam das Visum-Problem und ich hatte eigentlich gar keine Zeit darüber nachzudenken. Also kam ich dort an und dachte "Oh scheiße, ich muss alleine vor 1500 Leuten spielen!". Aber das US-Publikum war großartig und ich glaube viele von denen hatten glücklicherweise schon von The Pineapple Thief gehört. Ich war also nicht völlig fremd. Ich hatte auch ein Looper Pedal auf der Bühne, sodass es etwas mehr zu hören gab als nur mich. Es war eine interessante Erfahrung und ich bin froh, es gemacht zu haben.

Würdest du das nochmal machen?

Ja, würde ich! Ich glaube aber, ich würde nächstes mal ein paar Leute mitnehmen.
 
Seit einer Weile machst du 5.1 Mixe für andere Bands. Um ganz ehrlich zu sein kenne ich niemanden, der zu Hause eine Anlage hat um die abzuspielen!

Ich kenne auch keinen! Das ist das Erste, was ich den Leuten immer sage. Wer sollen diese Leute sein, die sich das anhören? Aber es gibt sie.
 
Ja klar muss es die geben! Aber nimmst du irgendwie wahr, dass das beliebter wird?
 

Keine Ahnung. Wenn ich die 5.1 Mixe mache bekomme ich viele gute Reaktionen darauf von Leuten die sagen "Geil! Ich liebe deine 5.1 Mixe!". Viele Plattenlabel bringen gerne Special Editions raus wo sie vielleicht tausend Stück produzieren mit einer DVD und einem hochauflösendem Stereomix drauf. Aber ich frage mich wie viele Leute sich das kaufen weil sie Sammler sind und sich den 5.1 Mix dann nie anhören können.
 
Aber wenn Leute in mein Studio kommen demonstriere ich es ihnen. Ich spiele ihnen erst den normalen Stereomix vor und dann den in 5.1 und sie sind jedes Mal schwer beeindruckt.

Gut, ich hatte in einem Studio Set-Up auch schon einmal die Gelegenheit einen solchen Mix zu  hören. Aber wer von den, ich sage mal "normalen" Leuten hat so etwas zu Hause?

Nee, das müssen schon richtige Audiofans sein. Die haben ein eigenes Zimmer dafür, um sich hinzusetzen und Musik zu genießen. Der 5.1 Markt ist auch sehr pingelig. Die Leute rezensieren sofort die Soundqualität und einfach alles. Das will man sich manchmal gar nicht angucken und ich meide die entsprechenden Foren.
 
Ich selbst bin mittlerweile ein Fan davon. Als ich damit anfing war ich noch skeptisch aber ich wusste, es gibt einen Markt dafür und Leute, die dafür zahlen würden, also dachte ich, ich mache es einfach. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, Musik auch als 5.1 Mix zu hören und es ist eine tolle Erfahrung.
 
Übrigens haben wir uns gedacht zum nächsten Album eine [5.1] Tour zu machen. Ein Kumpel hat  einen großen Bus den er zu einem 5.1 Studio umgebaut hat. Wir hatten die Idee damit eine Tour zu  machen, einfach in verschiedene Städte zu fahren, irgendwo zu parken und die Fans steigen ein, treffen uns und hören das Album in 5.1. Ich glaube da passen sogar 50 Leute rein.
 
Das wäre definitiv etwas Neues!

Ja, oder? Ich wüsste nicht, dass so etwas schon mal gemacht wurde. Ob dann wirklich Leute kommen würden, weiß ich nicht.
 
Wenn ihr das wirklich macht, sagt Bescheid!

Ja, machen wir!

An was für anderen Projekten arbeitest du 2017? Gibt es etwas Neues bezüglich Wisdom Of Crowds?

Oh ja! Es gibt Neuigkeiten zu Wisdom Of Crowds! Es ist noch nicht offiziell aber es sieht aus als könnten wir dieses Jahr, im Spätherbst, ein Album aufnehmen. Es hängt wirklich nur von Jonas und Katatonias Terminplan ab. Also drückt die Daumen, dass es dieses Jahr ein Wisdom Of Crowds Album gibt; die Veröffentlichung dann Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres.
Ansonsten reden wir auch schon über ein neues The Pineapple Thief Album für nächstes Frühjahr.
Gavin meinte, er wäre auch wieder dabei, also müssen wir Ende des Jahres irgendwie ein Zeitfenster finden, bevor er wieder mit King Crimson unterwegs ist.
Es gibt dieses Jahr also eine Menge zu tun! Und eine weitere Tour im September!
 
Wieder in Europa?
 
Ja, aber ich weiß noch nicht wo genau. Jetzt, wo wir Tickets verkaufen und kein Geld verlieren denken wir uns, ja, lasst uns noch eine Tour machen!

Super! Okay, letzte Frage: Was war dein Lieblingsalbum 2016?

Oha, gute Frage... Ich habe den 5.1 Mix für The Fall Of Hearts gemacht und das Album hat mir wirklich gut gefallen. Durch meine Arbeit stehe ich dem Album natürlich sehr nahe aber das war definitiv eins meiner Lieblingsalben. Das neue Album von Haken fand ich auch gut. Technisch war das alles sehr clever gemacht aber ich muss mich doch für Katatonia entscheiden.
 
Wir sind am Ende angelangt! Vielen Dank für das Interview!
 
Danke dir! 

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