Season III: Solace in Insanity

Season III: Solace in Insanity Hot

Nico Steckelberg   13. Februar 2016  
Die Kammer Season III.jpg

Musik

Interpret/Band
Veröffentlichungs- Datum
05. Februar 2016
Format
CD
Anzahl Medien
1

Hörspiegel-Meinung

Gesamtwertung 
 
9,0

Ab dem dritten Album, so sagt man, trennt sich die Spreu vom Weizen. Schaffen es Matthias Ambré, Marcus Testory und ihre Mitstreiter, an ihre vorherigen Alben anzuschließen und sie vielleicht noch einmal zu überbieten? Der Weg dahin ist vorgegeben: Mit „Season III“ schließt die Acoustic-Formation rein konzeptionell nahtlos an die vorherigen Alben an. Und der Untertitel „Solace in Insanity“ deutet bereits leichte Ausflüge in den Wahnsinn an.

Musikalisch ist dieses Album ein Kuriositätenkabinett des späten 19. Jahrhunderts. Den Auftakt macht ein Gedicht, vorgetragen von Sabine Bohlmann, untermalt von einem unheilvollen Glockenspiel. Der Brückenschlag zu Kindheitsängsten ist gemacht, und damit auch der Ursprung aller erwachsenen Verhaltensweisen: „Pretentiously we separate the seeming from the real“ – ein eindeutiger Verweis zum Debütalbum. 

Doch wer nun etwas rein Schwermütiges erwartet, liegt grundverkehrt. Bereits der zweite Track „The Drunk Welshman“ hat einen Groove à la „Sweet Home Alabama“ (ja, ich hätte es auch nicht erwartet, aber es passt hervorragend!). Insbesondere die schönen Bläser in Verbindung mit dem Streicher-Kammerorchester, dem Glockenspiel oder gern auch mal einem Akkordeon gibt den Songs eine feine Psych-Pop-Nuance, die ich so zuletzt bei Paul Rolands „Happy Families“ gehört habe. 

Die Kammer hat diesen Charme in vielen ihrer Songs, und auch die Texte wissen zu überzeugen. Nicht immer sind es Geschichten, die erzählt werden, gern auch mal Gedankenspiele oder Ratschläge. Absoluter textlicher Höhepunkt ist für mich der Song „Fairy on the Wire“, bei dem Marcus Testory Englisch, Französisch und Österreichisch sprachlich so harmonisch ineinander übergehen lässt, dass es dem Hörer zunächst kaum auffällt, er sich jedoch ab und an fragt: Was war das denn gerade für eine Sprache? Absolut angstfrei, hier auch in die Folklore abzurutschen. Und das ist sehr, sehr gut so!

Ich fühle mich gern auch mal an HIM erinnert, Nick Cave, die akustischeren Deine Lakaien oder besagten Psych-Pop-Guru Paul Roland. Von Pop, Rock, Folk, Polka, Tango bis hin zu Shantys ist eigentlich alles mit dabei, was das analog schlagende Steampunk-Herz begehrt.

Ladies and Gentlemen, betreten Sie DIE KAMMER. Es ist ein dunkler, makaberer Jahrmarkts-Karneval mit Alptraumfiguren und zuckersüßen Lebkuchenherzen. Auch beim dritten Besuch immer wieder anders und unheimlich gut! 
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