Troll Hot

Thor Wanzek   23. Januar 2016  
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Buch-Tipp

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Anzahl Seiten
480
Erscheinungsjahr
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Rückentext

An einem Sommertag läuft der kleine Magnus in Nordschweden in den Wald und kehrt nicht mehr zurück. Seine Mutter behauptet, ein Riese habe ihn entführt. Jahre später verschwindet wieder ein Junge, und wieder soll ein Troll ihn geholt haben. Alles nur Aberglaube, wie die Polizei meint? Doch die junge Susso ist überzeugt, dass es übernatürliche Wesen gibt. Ihre Suche führt sie in eine geheimnisvolle, archaisch anmutende Welt, deren Bewohner sich mit roher Gewalt gegen Eindringlinge wehren.

Hörspiegel-Meinung

Story/Inhalt 
 
8,0
Atmosphäre 
 
8,0
Aufmachung 
 
7,0
Gesamtwertung 
 
7,7

Susso Myréns Großvater hat einst einen Troll photographiert. Oder einen „Stallo“ - so nennen die Samen diese Erscheinung, und unter diesem Titel ist der zweite Roman von Stefan Spjut im schwedischen Original erschienen. Doch ganz gleich ob Troll oder Stallo, die alte Lichtbildaufnahme gibt eher Rätsel auf als Geheimnisse preis. Um diese zu lüften, unterhält Susso eine Homepage zur Erforschung kryptozoologischer Phänomene, und sie nimmt angesichts einer mysteriösen Kindesentführung eine Spur auf, die ihre Familie und sie selbst an tödliche Abgründe führt.

Stefan Spjut schildert die Umgebung seiner Protagonisten mit klarer Sprache bis ins Detail. Seine Erzählung umfasst Augenzwinkerndes zu touristischen Klischees ebenso wie Nachdenkliches zu neuen Medien und deren Nutzung. Die verschiedenen Handlungsstränge führt er langsam, aber sicher zusammen. Dabei steht bereits nach einem Drittel des Buches nicht mehr die Frage im Raum, wer hier Dreck am Stecken hat, denn das ist offensichtlich. Spannend ist vielmehr, wie die unterschiedlichen Figuren auf je eigene Weise dem Unheimlichen begegnen und um Entscheidungen ringen, die ihr bisheriges Leben mehr als nur auf den Kopf stellen. Psychologischer Tiefgang wird nicht angestrebt, doch kann sich der Leser zweifelsohne in die Menschen einfühlen, die immer mehr unter Zugzwang geraten.

Die Mythologie der Samen skizziert Spjut nur in Ansätzen, bevor er eine – reale – Figur ins Spiel bringt, die zumindest ich nicht erwartet hatte. Ein gewagter Kunstgriff, doch er funktioniert und wird jeden anrühren, der zuvor im schwedischen Hinterland ein wenig auf Trollpfaden umher gewandelt ist.

Wer sich auf den geradlinigen Erzählstil einlassen kann, der wird dieses Buch nach einer Weile nur noch ungern aus der Hand legen – zumindest, wenn es draußen dunkelt und der Winter Einzug gehalten hat. Nach der Lektüre im Kerzenschein bietet sich das Album „Fälen Från Norr“ des schwedischen Duos Lönndom (r.i.p.) als Nachhall an, denn auf diesem wurde dem Stallo ein prächtig düsteres Lied gewidmet, das gleichsam wie Spjuts Roman mit einfachen Mitteln eine intensive Atmosphäre erwirkt.
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