Incognito Hot

Michael Brinkschulte   02. Januar 2016  
Incognito

Rückentext

Der Katalog zur Ausstellung »Incognito« im Kunsthaus Zürich (30. Oktober 2015–7. Februar 2016) und im Museum Folkwang Essen (18. März–15. Mai 2016). Jeder kennt Tomi Ungerer als Schöpfer von Kinderbuch-Klassikern und provokativen erotischen Bildern, als genialen Grafiker und scharfzüngigen Autor. Kaum bekannt jedoch sind seine Collagen und Plastiken, die erstmals in einer Museumsausstellung gezeigt werden.

Hörspiegel-Meinung

Story/Inhalt 
 
8,0
Atmosphäre 
 
10,0
Aufmachung 
 
10,0
Gesamtwertung 
 
9,3

Tomi Ungerer, inzwischen 85-jähriger Künstler mit vielfältigen Betätigungsfeldern, ist die Ausstellung ‚Incognito‘ im Kunsthaus Zürich von Oktober 2015 bis Februar 2016 und im Essener Folkwangmuseum von März bis Mai 2016 gewidmet. Ausgestellt wird eine umfangreiche Werkschau von Collagen, Zeichnungen etc. Damit nicht nur die Besucher der Ausstellung einen Einblick in das Schaffen Ungerers bekommen können, ist nun bei Diogenes der zugehörige Ausstellungskatalog erschienen. Die Umsetzung als mehr als 400 Seiten starkes Buch im Format 25 x 32 cm, die in einem festen Einband daher kommen, ist jedoch viel mehr als ein einfacher Katalog. 

Dreisprachig in deutscher, englischer und französischer Sprache wird mit Grußworten der Direktoren von Kunsthaus Zürich und Folkwangmuseum eröffnet. Darüber hinaus findet der Leser vier Essays zu Ungerer und seinem Werk. Damit sind die ersten rund 70 Seiten des Buches gefüllt. 
Im Anschluss daran präsentiert das Buch Zeichnungen, die je in unterschiedlicher Anzahl auf den folgenden Seiten präsentiert werden. Mal mit bis zu fünf Zeichnungen auf einer Seite, mal auch einzeln. Eröffnet wird dieser Reigen durch Zeichnungen, die Elefanten mit Zahlen verknüpfen, woran sich ‚untitled‘ Zeichnungen anschließen. Im Weiteren wechseln sich betitelte und nicht betitelte Zeichnungen ab. Nach zunächst nicht kolorierten folgen dann auch kolorierte Werke.
Thematisch sind die Zeichnungen vielschichtig und stehen zum Teil deutlich im zeitlichen Bezugsrahmen - so auch das ‚give‘ betitelte Werk von 2010, das ein Flugzeug zeigt, welches Geschenke und Bomben gleichzeitig abwirft -  andere wirken zeitlos aktuell. Wie schon in bekannten Büchern wie ‚Schuh, wo bist du?‘ spielt Ungerer in vielen Zeichnungen mit unterschiedlichen Gegenständen, die er zeichnerisch einbindet.

Besonders interessant erweisen sich die stilistischen Wechsel Ungerers in seiner Art der Darstellung. Hier kommen die große Flexibilität und das breite Können des Künstlers deutlich zu Tragen. 
Das folgende Kapitel widmet sich den von Tomi Ungerer erstellten Collagen, die jeweils als seitenfüllend auf Einzel- oder Doppelseite abgedruckt sind. Von schwarzhumorigen Werken wie ‚Target Practice‘ von 2010 über Wortspielereien bis hin zu politisch anklagenden und anprangernden Collagen, Ungerer zeigt große Aussagekraft. Die zeitlich nicht geordnet abgedruckten Collagen stammen weitgehend aus den letzten 15 Jahren (das älteste Werk stellt ‚Falling in love‘ von 1964 dar), tragen weitgehend Titel, überlassen jedoch zum Teil auch hier die Titeldeutung allein dem Betrachter. Einzelne Collagen stammen aus Themenreihen wie ‚Waiting for Godot‘, die thematisch gleich, darstellerisch jedoch sehr unterschiedlich ausfallen.

Abschließend widmet sich der Katalog den von Ungerer erstellten Skulpturen, beginnend mit ‚Round Arrow‘ aus dem Jahr 2012.  ´Wie schon bei den Collagen sind auch die Skulpturen ein Beweis dafür, wie aktiv Tomi Ungerer innerhalb der letzten 15 Jahre, also im fortgeschrittenen Lebensalter, gewesen ist. Nur wenige Skulpturen sind älter. Und eben diese, zwischen 1960-1979 entstandenen, sind besonders provokant.

Die letzten Seiten des Buches bildet die Liste der Werke der Ausstellung. Hierbei ist zu beachten, dass neben den Angaben zur Technik, der Größe des jeweiligen Werks auch verzeichnet ist, dass einzelne der Werke entweder in Zürich oder in Essen gezeigt werden. Die meisten Werke sind jedoch an beiden Ausstellungsorten zu sehen.
An letzter Stelle sind Werke benannt, die zwar in den Ausstellungen zu sehen sein werden, auch hier einzelne an nur einem Standort, es aber nicht in den Katalog geschafft haben. Dies sind neben den 411 verzeichneten Werken nochmals über 80 weitere.


Mit diesem Ausstellungskatalog bekommen an Tomi Ungerer interessierte eine umfangreiche Werkschau der vergangenen Jahre, die in ihrer Aufmachung nichts zu wünschen übrig lässt. Allerdings lassen die Ausstellung und der zugehörige Katalog viel des Materials vermissen, das Tomi Ungerer zu dem bekannten Künstler gemacht haben. Ob die Bilderbuchzeichnungen/-illustrationen für Kinder wie im ‚Mondmann‘, in ‚Na so was?‘ oder dem oben schon benannten ‚Schuh, wo bist du?‘ oder die für Erwachsene gezeichnete Werke. Gerade die Zeit der 70er bis 90er Jahre fällt aus der Ausstellung heraus. Doch bleibt natürlich die Frage, ob man eine vollständige Werkschau überhaupt realisieren könnte, muss doch immer eine Auswahl getroffen werden, wenn man einen Künstler  vorstellen will, der so lange und so aktiv ist, wie Tomi Ungerer.


Für all jene, die der vorgestellte Katalog noch nicht genug ist, ist neben der normalen Ausgabe noch eine besondere auf 500 Exemplare limitierte Vorzugsausgabe erschienen, die neben dem Katalog noch einen Druck und eine besondere Verpackung bietet.

Nähere Informationen und Bilder zur Ausstellung finden sich auf der Internetseite Ungerers. (siehe oben)

© 2002 - 2019 Der Hörspiegel - Lesen, was hörenswert ist. --- IMPRESSUM --- DATENSCHUTZ