Alice im Wunderland / Alice hinter den Spiegeln

Alice im Wunderland / Alice hinter den Spiegeln

Nico Steckelberg   02. Februar 2020  
Alice im Wunderland / Alice hinter den Spiegeln

Buch-Tipp

Autor(en)
Anzahl Seiten
324
Erscheinungsjahr
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Rückentext

Es ist nicht nur das berühmteste Werk des Surrealismus, sondern auch eins der beliebtesten Kinderbücher der Welt: Lewis Carrolls Alice im Wunderland und die Fortsetzung Alice hinter den Spiegeln. Seit der Veröffentlichung 1865 begeistern die schrulligen Figuren wie der verrückte Hutmacher, die Grinsekatze oder der Märzhase große und kleine Leser – und bis heute inspiriert das vergnügte Spiel mit der Logik Künstler, Musiker, Filmemacher und Mathematik-Fans. 

Hörspiegel-Meinung

Story/Inhalt 
 
9,0
Atmosphäre 
 
10,0
Aufmachung 
 
10,0
Gesamtwertung 
 
9,7

Kann man Kunst getrennt vom Künstler bewerten und mögen? Was, wenn der Künstler ein Täter war?

Dieser tiefgreifenden Frage mussten sich unlängst die Fans des Kings of Pop, Michael Jackson, stellen. Das Problem mit Idolen, die vermeintlich ihre idealisierte Machtposition ausnutzen, ist nicht neu. Ein guter erster Schritt, den Opfern von übergriffigen Gewalttätern Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen, ist, über die Taten offen zu sprechen, auch dann, wenn es eigentlich um die Kunst des Täters geht.

Im Falle von Lewis Carroll ist die Kunst zu einem surrealen Klassiker geworden. „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ gelten als fantasievolle, märchenhaft-bunte und  vieldeutige Werke der All-Age-Literatur. Disney erkannte das Potenzial schon lang. Die 3D-Verfilmung von Tim Burton zeigt jedoch nur einen Teil des Kaninchenbaus.

Bei Coppenrath erscheint Carrolls Werk als Doppelband, Illustriert von den Designkünstlern MiniLima. Es ist eine nahezu perfekte Ausgabe! Mit vielen haptischen Gimmicks wie Briefen, auffaltbaren oder verschiebbaren Papierkonstruktionen, Architekturen und beweglichen Figuren. Die Bilder sind farbenfroh und reduziert zugleich, dynamisch, teilweise von einer starken Tiefenwirkung geprägt. Die Charaktere sind einzigartig gestaltet. Wer also eine besondere Ausgabe von Lewis Carrolls Alice-Büchern lesen und erleben möchte, der wird um dieses wundervolle Buch keinen Bogen machen können. 

Und worin genau besteht die mögliche „Tat“ bei Alice im Wunderland? 
Dazu muss man wissen, dass Lewis Carroll sein Buch für ein reales Mädchen schrieb, deren Name Alice Liddell war. Lassen wir die Quellen sprechen:

Alice Pleasance Liddell (* 4. Mai 1852 in Westminster; † 16. November 1934 in Westerham) war das Vorbild für die Heldin in Lewis Carrolls Klassiker Alice im Wunderland. (…) Als Alice geboren wurde, war ihr Vater Direktor der Westminster School, wurde aber bald darauf an die Christ Church in Oxford versetzt. 1856 zog die Familie nach Oxford. Kurz nach diesem Umzug, am 25. April 1856, sah Alice zum ersten Mal Charles Lutwidge Dodgson – besser bekannt unter seinem Künstlernamen Lewis Carroll, der als Tutor für Mathematik am College lehrte und wohnte. Er begegnete der Familie Liddell, als er die Kathedrale fotografierte. (…) 

Alice verbrachte einen großen Teil ihrer Kindheit in Gesellschaft ihrer Schwestern und Charles Lutwidge Dodgsons, der bald nach ihrer ersten Begegnung ein häufiger Besucher der Familie wurde. Er nahm die Mädchen oft zu Bootsfahrten und Picknicks in der malerischen Umgebung Oxfords mit und erzählte ihnen zum Zeitvertreib fantastische Geschichten. 
Er brauchte sie auch häufig für sein zweites Hobby, die Fotografie. Fotos aus dieser Zeit zeigen Alice verkleidet als Bettlermädchen in zerlumpter Kleidung oder Alice und Lorina in orientalischer Tracht. In all diesen Jahren war Alice seine klare Favoritin. Sie war die Heldin seiner Geschichten, während Lorina und Edith nur Nebenrollen spielten.
Im Sommer 1863 fand die enge Beziehung zwischen Dodgson und Alice ein abruptes Ende. Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, wie es dazu kam, da Dodgsons Erben später die betreffende Seite seines Tagebuchs vernichteten. Dodgson selbst erwähnte Alice in seinem Tagebuch erst im folgenden Dezember erneut, und im darauffolgenden Sommer 1864 waren den Kindern weitere Ausflüge auf dem Fluss verboten. Man weiß aus Äußerungen von Alice im späten Leben, dass ihre Mutter alle Briefe aus der Feder von Dodgson an die junge Alice beseitigt hatte.
(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Alice_Liddell)

Was vorgefallen war, wurde nie bekannt.Wahrscheinlich hatte er allzu deutlich seine Absicht durchblicken lassen, die Tochter später zu heiraten.Alice war damals elf Jahre alt. (…)
(Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/alice-im-fotoland/58884.html)

Mit der jungen Alice trifft er sich über mehrere Jahre so oft, dass die Mutter ihm zumindest zeitweilig verbietet, sich mit den Töchtern zu treffen. Das sei "eine ziemlich überflüssige Vorsicht", schimpft Carroll. Er wird auf Spielplätzen gesehen, schafft haufenweise Spielsachen an, fotografiert Kinder - nackt oder als Feen verkleidet. Während der Fotoarbeiten müssen die Mütter draußen bleiben, wünscht er. Das Fotografieren betreibt er exzessiv: 102 Namen von Kleinkindern hat er allein für das Jahr 1863 alphabetisch aufgelistet.
(Quelle: https://rp-online.de/kultur/lewis-carrolls-dubiose-kinderliebe_aid-21881339)

Erst als er Alice nicht mehr sehen durfte, kam seine Passion für junge weibliche Modelle voll zum Ausbruch. (…) Dodgson ermutigte sie, unorthodoxe Posen einzunehmen, mal mit einem schalkhaften, mal mit einem erotischen Unterton. (…) In einigen Fällen bat er die Eltern in langen, umständlichen Briefen um die Erlaubnis, ihre Kinder nackt fotografieren zu dürfen. Und die Eltern überließen sie ihm gern. Die kleinen Mädchen fühlten sich in der Gegenwart des netten Onkels, der sie nach der Sitzung auf den Schoß nahm und herzte, wohl.
(Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/alice-im-fotoland/58884.html)

Vor diesem Hintergrund fällt es sicherlich nicht leicht, die Kunst vom Künstler zu trennen. Und mit dem Wissen, dass „Alice im Wunderland“ auf der kreativen Energie basiert, die einer pädophilen Täter-Opfer-Beziehung entsprang, welche im Verlauf der Jahrzehnte nur allzu oft als Künstler-Musen-Beziehung dargestellt wurde, ist es nahezu unerträglich, sich Carrolls Fotografien von Alice Liddell anzuschauen und sich dann dem unbelasteten Lesegenuss dieses Buches zu widmen.

Und doch ist genau das das mindeste, was wir tun können, um die Anzahl künftiger Opfer zu reduzieren. Gesellschaftlich reflektiv mit den Taten umgehen, Täter nicht idealisieren, nichts unter den moralischen Teppich kehren, das Geschehene nicht vergessen.

Die Kunst – dieses Buch – ist jedenfalls visuell und mechanisch-haptisch äußerst gelungen und ein Erlebnis für kleine und große Leser. 
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