Mit freundlichen Grüßen

Mit freundlichen Grüßen Hot

Nico Steckelberg   01. Februar 2013  
Mit freundlichen Grüßen

Musik

Interpret/Band
Unter-Genre
Veröffentlichungs- Datum
01. Februar 2013
Format
CD
Anzahl Medien
1

Hörspiegel-Meinung

Gesamtwertung 
 
7,0

Die Älteren unter uns erinnern sich: Heino hatte schon in den frühen 90ern des letzten Jahrhunderts versucht sein Heimat-Genre Volksmusik zu verlassen. Damals trat er mit Rap-Versionen seiner bekannten Stücke auf. Das Ergebnis war ein bisschen befremdlich, und ob die Bearbeitungen wirklich künstlerisch wertvoll waren, darüber stritten sich schon damals die Geister. Dennoch schaffte es Heino mit jener Aktion in die Medien, und das bedeutete Präsenz, neue Zielgruppen und Plattenverkäufe. Gegenbeispiel: 2009 tourte Heino mit klassischer Musik durch historische Gebäude. Der Mann ist einfach gerne Grenzgänger.

Jüngsten Pressemeldungen zufolge habe sich Heino an Songs von den Ärzten und Rammstein „vergriffen“. Man hörte, dass diese Bands bereits ihren Protest angekündigt hätten. Ein aufgebauschter Medienhype? Inzwischen haben Rammstein dementiert, und trotzdem steht groß und breit „Das verbotene Album!!!“ auf dem Cover des neuen Heino-Albums „Mit freundlichen Grüßen“. Rockige Lederjacken-Personality-Pictures und Ed Hardy-ähnliche Heino-Totenköpfe zieren das Booklet-Layout. Die Image-Maschinerie läuft also auch diesmal auf vollen Touren.

Doch nun macht Heino es einmal anders herum als in seiner 90er-Jahre-Phase: Er transferiert nicht seine Musik in ein anderes Genre, sondern er interpretiert Volksmusik-fremde Stücke auf seine bekannt-charmante Art mit dem rrrrrollenden Rrrrrr. Zwölf Coverstücke hat Heino eingesungen, darunter befinden sich in der Tat einige Überraschungen. Produzent des Albums ist Christian Geller, der auch schon das aktuelle Joey Heindle-Album mit produzierte.

Als erstes Fazit möchte ich das Album als eine gelungene Idee bezeichnen. Erwas ähnliches kennen wir von Johnny Cash, der vor Jahren bereits U2, Nick Cave, Depeche Mode oder Nine Inch Nails akustisch interpretierte. Christian Geller hält sich allerdings weitestgehend an die musikalischen Originale, wobei er Posaune und Trompete einsetzt, um den volkstümlichen Charakter von Heinos Stimme zu unterstützen. Während eine Band wie „Global Kryner“, die ein vergleichbares Konzept verfolgt, ihre Coversongs zu 100% auf Volksmusik trimmt, ist das Mischverhältnis bei Heino (leicht schwankend) bei 75% Original und 25% Volksmusik. Und? Der Mix macht Spaß! Es steckt jede Menge Witz darin, ohne dass Heino sich dabei zum Affen macht. Ich bin erstaunt, wie unpeinlich sogar sein Sprechgesang wirkt. Das hätte ich nicht erwartet.

Gut funktioniert das Konzept beispielsweise bei „Junge“ von den Ärzten. Hier wird deutlich, dass der Künstler seine Liebe zur deutschen Sprache über den Originaltext stellt. Während die Ärzte die Worte „sterben“, „enterben“ oder „färben“ aus reimtechnischen Gründen abkürzen in „sterm“, „enterm“ und „färm“, bleibt Heino beharrlich bei der korrekten deutschen Aussprache. Trotzdem: Der Song kommt gut.
Sehr überrascht war ich von „Haus am See“, das der Sänger mit einer solch lockeren Beschwingtheit in der Stimme singt, dass man meint, da hüpft ein junges Reh über eine Gebirgsaue. Ein junges RRRRRReh mit einer sehrrrrrrrr tiefen Stimme.
Klasse finde ich, dass „Ein Kompliment“ von den Sportfreunden Stiller endlich mal mit einem guten Sänger eingespielt wurde, nämlich mit Heino. Auch wenn uns das Wort „Schillaut Soun“ in seinem vollendeten Denglisch schmunzeln lässt.
Mit „Augen auf“ von Oomph! und „Sonne“ von Rammstein kommt das Album in seine stärkste Phase. Es gibt verzerrte Gitarren, wenngleich dezenter als in den Originalen. Aber die Stücke haben Schwung, und das düstere Ambiente der Songs steht Heino bestens. „Sonne“ habe ich mehrmals in Schleife gehört, so gut gefällt es mir.
Auch das Lied „Gewinner“ ist richtig schön, was nicht nur an der Komposition liegt, sondern auch daran, dass es mit einem sehr kraftvollen Stimmenspiel gesungen wurde.
Und danach flacht das Album leider ab. „Liebes Lied“ von Jan Delay ist zwar ohne Delays Nasalgesang endlich mal anhörbar, aber es passt nicht zu Heino und wurde auch nicht passend bearbeitet. „Leuchtturm“ von Nena ist ein richtig guter, emotionaler Song. Aber eben für Nena. Heinos Stimme wirkt viel zu mächtig und bringt den Song aus dem Gleichgewicht. Während Nenas Stimme im Original verträumt durch den Text fliegt, rumpelt Heino wie ein Bär durch die Passagen, während der unvorteilhaft beschwerende Effekt durch die Bläser noch mal unterstützt wird.
Über „Vogel der Nacht“ (Stephan Remmler) möchte ich nicht reden. Ein Lied, das nicht auf das Album passt, viel zu sehr Schlagerschnulze. Thema verfehlt. Aber einen kleinen Lichtblick muss es für die Bestands-Fans ja auch noch geben. Wer Freddy Quinn mag, der wird Heinos Gesang hier lieben.
Bei „MFG“ von den Fantastischen Vier fehlt mir das Tempo, wobei sich Heino beeindruckend tief und trotzdem melodisch durch den Sprechgesang rappt. Hier fallen die übrigens sonst angenehm und unterstützend eingesetzten Chöre im Background eher unangenehm auf, zu kalt und emotionslos, wohingegen die Fantas im Original ihre eigenen, charakteristischen Stimmen mit einbringen.
„God sejw se kwejn“ heißt es dann in „Kling Klang“ (Keimzeit), was wiederum gut interpretiert ist, als wäre es ein klassischer Heino-Song, aber eben schön frisch und beschwingt.
Das Album klingt aus mit einem Cover von Marius Müller Westernhagens „Willenlos“. Auch hier wieder der Effekt, dass mir die Heino-Version besser gefällt als das Original, weil Heino eindeutig die bessere Stimme hat.

Ich gebe zu, ich stand dem Konzept zunächst skeptisch gegenüber. Aber ich habe beim Hören oft gelacht, wie gut diese teilweise fremdartigen Stücke zu Heino passen. Wenn man das Konzept noch stärker in Richtung Punkrock, Metal oder Gothic produziert hätte, wäre es noch ein ordentliches Stück besser geworden. Die zweite Hälfte des Albums traut sich weniger als die erste, und dadurch sackt der Gesamteindruck etwas ab. Auch die Instrumentierung hätte stellenweise ausgefeilter sein dürfen. Dennoch: Gute Idee, gute Umsetzung und durchaus wiederholenswert.

Anspieltipps: „Augen auf“, „Sonne“, „Gewinner“

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