ROME: Zwischen Weltgeschichte, Instinkt und textlichen Gewürzen

ROME: Zwischen Weltgeschichte, Instinkt und textlichen Gewürzen Hot

Nico Steckelberg   23. Juli 2009  
ROME: Zwischen Weltgeschichte, Instinkt und textlichen Gewürzen

Interview

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Einleitung
Mit dem neuen Album "Flowers from Exile" erreicht die Musik der Luxemburger Formation ROME um den charismatischen Sänger Jerome Reuter und den begnadeten Soundtüftler Patrick Damiani ein höhere Stufe. Mit musikalisch authentisch ausgedrückter Sehnsucht, Melancholie, Hoffnung und Erinnerung spielen sich ROME in die Köpfe ihrer Hörer. Nico Steckelberg vom Hörspiegel hatte die Chance, Jerome Reuter einige interessante Antworten zu ROMEs aktueller Schaffensphase zu entlocken.
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Das Interview

Der Hörspiegel: Seit wenigen Tagen ist es nun veröffentlicht: Das neue ROME-Album "Flowers from Exile". Wie war das Gefühl, das fertige Produkt erstmals in den Händen zu halten?

Jerome Reuter: Das ist immer spannend. Man weiss ja nie, wie es dann wirklich aussehen wird. Auf dem Schirm sind die Sachen ja immer schön...Patrick hatte die Scheibe schon ein paar Tage bei sich zu Hause rumliegen. Ich war noch unterwegs, und hab das Teil erst Stunden vor dem Release, bei den Proben, gesehen.

Der Hörspiegel: Es hat sich einiges verändert seit dem letzten Album. Was war für Dich der größte musikalische Unterschied zu den bisherigen ROME-Alben?

Jerome Reuter: Es gab Neuerungen auf allen Ebenen. Was die Produktion angeht, haben wir ne ganz andere Instrumentierung (vor allem Spanische Instrumente, etc) gemacht, und neue Geräte im Studio benutzt. Das hat sich stark auf den Sound der Platte ausgewirkt. Textlich ist es eine deutlich persönlichere Platte geworden, vor allem wegen dem teilweise autobiographischen Konzept des Albums.

Der Hörspiegel: Ihr habt mit "Flowers from Exile" auch einen Labelwechsel vollzogen. Was steckt dahinter?

Jerome Reuter: Ein paar gute Essen in Heidelberg, ein paar zähe Verhandlungstage und viele, viele Pläne. Wir wollen uns weiterentwickeln, und nicht stehen bleiben. Wir haben bei Cold Meat drei Alben veröffentlicht. Das hat gereicht.

Der Hörspiegel: Beim neuen Album steht die spanische Sprache und Kultur stark im Vordergrund. Ihr habt beispielsweise einen Flamenco-Rhythmus in einen Song mit eingebracht. Zu irgend einem Zeitpunkt muss der Groschen gefallen sein: “Diesen roten Faden möchten wir in die nächste CD einbinden.” Was war das Schlüsselerlebnis bei "Flowers from Exile"?

Jerome Reuter: Das Thema Spanischer Bürgerkrieg hat mich immer schon interessiert, aber ich war vor etwa drei Jahren zusammen mit meinem Onkel in Spanien und igendwann mal abends nach dem ein oder anderen Gläschen Wein hat er angefangen zu erzählen. Ich denke dass das wohl entscheidend war dafür die Platte jetzt zu machen. Ich wollte diese Familiengeschichte, diesen Teil der Weltgeschichte und die vielen damit verbundenen Emotionen auf Platte festhalten.
Mein Onkel ist im tunesischen Exil geboren. Das gehörte damals noch zu Frankreich, weshalb er Franzose ist, obwohl seine Mutter Italienerin war, die vor Mussolini nach Tunesien geflüchtet ist, wo sie sich dann in einen Spanischen Marinesoldaten der republikanischen Armee verliebt hat, der seinerseits vor Franco fliehen musste, weil ihm in Spanien wegen seines antifaschistischen Engagements die Todesstrafe drohte. Das war sozusagen ein Drehbuchvorlage wie sie nur das wahre Leben schreiben kann, und die mich für dieses Album inspiriert hat.


Der Hörspiegel: Und wie erkennt man - ganz allgemein - solche Schlüsselmomente um sie zu greifen, sie zu verfestigen?

Jerome Reuter: Das weiss man einfach. Intuition, Instinkt, ...einfach Bock drauf! Man ist von etwas gefesselt und dann will man nicht loslassen bis man es hat.

Der Hörspiegel: Ich empfinde "Flowers from Exile" - verglichen mit Euren früheren Werken - als viel freier,offener und positiver. Ist das alleine dem Konzept geschuldet ("neues Land, neue Chancen") oder ist es auch teilweise ein Spiegel Deiner eigenen Emotionen im Bezug auf das Hier und Jetzt?

Jerome Reuter: Das ist bestimmt ein Spiegel, aber du fragst da den falschen, ich habe dazu überhaupt keine Distanz. Ich erkenne solch vermeintlich offensichtlichen Sachen eh erst Jahre später. Ich weiss gottseidank mittlerweile worum es bei den ersten Scheiben wirklich ging, haha.

Der Hörspiegel: Fühlt Ihr Euch ganz allgemein noch wohl im Neo-Folk-Genre? Oder fesselt diese starre Genre-Bezeichnung den Kreativitätsfluss?

Jerome Reuter: Wir fühlen uns keinem Genre ausser Chanson zugehörig, weil dieses Genre im Gegensatz zu den meisten nicht wirklich einengt. Neofolk ist Teil unserer Wurzeln, mehr auch nicht. Kein ernstzunehmender Künstler würde sich je auf irgendetwas festlegen lassen wollen.

Der Hörspiegel: Welche Bedeutung - neben der atmosphärischen - haben die vielen Sprach- und Soundsamples in Eurer Musik?

Jerome Reuter: Das sind textliche Gewürze, Gegenüberstellungen, Widersprüchliches, Allzumenschliches.

Der Hörspiegel: Patrick Damiani hat einen großen Einfluss auf den Sound von ROME. Wie kann man sich die Zusammenarbeit zwischen Euch vorstellen?

Jerome Reuter: Als sehr gut weil getrennt und aufgeteilt. Wir diskutieren alles durch, aber er funkt mir nicht beim Schreiben rein, und ich ihm immer weniger bei der Produktion. Wir vertrauen uns gegenseitig und fordern uns auch gegenseitig heraus, stacheln uns gegenseitig an...

Der Hörspiegel: In Kürze werdet Ihr Euren ersten USA-Gig haben. Welche Erwartungen habt Ihr an den Auftritt?

Jerome Reuter: Keine Ahnung! Wir sind wirklich sehr gespannt, weil wir noch nie in den Staaten aufgetreten sind. In jedem Land ist das Publikum anders. Wir wissen, dass da einige Fans auf uns warten, die will man natürlich nicht enttäuschen...da ist man schon etwas aufgeregt, muss ich zugeben.

Der Hörspiegel: Was macht Euch mehr Spaß? Die Studioarbeit oder die Live-Konzerte?

Jerome Reuter: Mir macht eigentlich bei ROME immer das Spass was ich gerade tue. Da gibt es die lange Schreibphase, die Studiophase, und dann der Live-Auftritt. Bei unserem Terminplan vermischt sich das Ganze ständig. Zudem verändern sich die Sachen. Die Studioarbeit ist dank Patrick für mich viel weniger anstrengend geworden, und die Live-Auftritte machen auch zunehmend mehr Spass! Ich geniesse die Schreibphase sehr, da ich diese immer mit Reisen verbinde. Ich schreibe am liebsten am Meer.

Der Hörspiegel: Was steht als Nächstes bei Euch an? Habt Ihr bereits erste Ideen für ein weiteres Album?

Jerome Reuter: Natürlich, haha. Wir sind schon ganz fleissig, aber wir lassen uns etwas Zeit.

Der Hörspiegel: Vielen Dank. Dir gehören die letzten Worte des Interviews.

Jerome Reuter: Ich bedanke mich sehr für das Interesse! Vielleicht sieht man sich ja bald bei einem unserer Auftritte! Alles Gute!

Weblink

http://www.ROMEpage.eu

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