BRENDAN PERRY: 'Eine Brücke zwischen den Zeiten.'

BRENDAN PERRY: 'Eine Brücke zwischen den Zeiten.' Hot

Nico Steckelberg   05. Juni 2010  
BRENDAN PERRY: 'Eine Brücke zwischen den Zeiten.'

Interview

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Einleitung
Brendan Perry ist Mitbegründer der legendären Ethno-Wave-Formation Dead Can Dance, autodidaktischer Multiinstrumentalist und Musikproduzent mit eigenem Aufnahmestudio in seiner Quivvy Church. Nach elfjähriger Albumpause hat er mit „Ark“ ein neues, faszinierendes Studiowerk veröffentlicht. Wir fragen ihn, was er in der Zwischenzeit gemacht hat, warum seine Kompositionen die Zeiten überbrücken können, wie man alte Autos ausschlachtet und was das Fernsehen mit Dantes Vision der Hölle gemeinsam hat.
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Das Interview

Nico Steckelberg (Hörspiegel): Brendan, Dein neues Album “Ark” erscheint diesen Freitag. Es sind nun 11 Jahre vergangen, seit Dein erstes Soloalbum “Eye of the Hunter” erschien. Was hast Du in der Zwischenzeit gemacht?

Brendan Perry: Nun ja, 2005 die Re-Union-Tour mit Dead Can Dance, ich habe viel gelesen, viel gespielt, bin oft aufgetreten, habe geschrieben. Auch viel technische Arbeit im Studio, Renovierungsarbeiten an der Kirche, Bootsfahren, das Leben genießen! Ja!

Nico Steckelberg (Hörspiegel): Und was ist aus “Zun Zun” geworden (das Album, das ursprünglich der Nachfolger zu “Eye of the Hunter” werden sollte)?

Brendan Perry: “Zun Zun”? Nun ja, das war eine Art Projekt, das aber niemals zum Leben erweckt wurde. Die Idee ging in Richtung orientalischer Perkussion. Aber das ist nie umgesetzt worden. Manchmal schreitet die Zeit voran, und Du musst mir ihr gehen.

Nico Steckelberg (Hörspiegel): Wann hast Du Deinen letzten Perkussions-Workshop in der Quivvy Church gegeben?

Brendan Perry: Ich habe seit zirka 10 Jahren keine mehr gegeben, weil sie einfach zu viel Zeit in Anspruch genommen haben. Viel Organisation... und um ehrlich zu sein ... einige Menschen, die zu den Workshops kamen, hatten nahezu keine Drum-Vorkenntnisse. Ich wollte mindestens fortgeschrittene Anfänger unterrichten. Die meisten hatten aber einfach sehr wenige Vorerfahrungen, und ich wollte keine Schüler unterrichten, die sich auf der Erfahrungsstufe von Grundschülern bewegen. Das ist einfach richtig harte Arbeit!

Nico Steckelberg (Hörspiegel): Lass uns auf “Ark” zu sprechen kommen. Es ist ein modern instrumentiertes und arrangiertes Album. Jeder Sound, den man darauf hört, ist entweder künstlich oder gesampelt. Aber es ist auch ein Album mit vielen atmosphärischen Verbindungen zur Vergangenheit. Zu DEINER musikalischen Vergangenheit. Es ist nicht so, dass die “Ark”-Stücke klingen wie Deine früheren Songs, aber sie FÜHLEN sich einfach so angenehm vertraut an.

Brendan Perry: Ja, das ist ganz einfach eine Fortsetzung der eigenen künstlerischen Handschrift, die man durchgehend in meinem gesamten Werk findet. Ich habe einen großen Teil des Dead Can Dance-Materials geschrieben und performt. Ich kann mir schon vorstellen, dass es da auf die eine oder andere Weise Assoziationen geben kann. Ich versuche natürlich, mich bezüglich der musikalischen Konzepte meiner Alben nicht zu wiederholen. Trotzdem sind solche Assoziationen verständlich, wenn man die eigene Stimme als Wiedererkennungsmerkmal einsetzt. Auf seine Art war “Eye of the Hunter” eine Art Ableitung des Dead Can Dance-Werkes...

Nico Steckelberg (Hörspiegel): Ich habe mir Deine Live-Show in Köln angeschaut, und war erfreut darüber, dass Du nicht nur Dein neues Material spielst, sondern auch viele gute alte Dead Can Dance-Songs und Stücke von “Eye of the Hunter”. Neu und Alt spielen hier ganz wunderbar ineinander. Wie reagiert das Publikum generell auf diese Mischung? Mögen Sie es, diese älteren Stücke live zu sehen?

Brendan Perry: Ja, ich denke schon. Ein paar der Stücke haben wir wirklich seit langem nicht mehr gespielt. Es ist sogar Material darunter, das wir noch niemals zuvor live gespielt haben, auch nicht mit Dead Can Dance. “Spirit” – das haben wir nie live gebracht. “The Carnival is over” – ebenfalls. Das ist eine Art Rückkehr für die Fans. Und dann eben neueres Material, das nicht auf “Ark” enthalten ist. Verstehst Du, etwas aus der Zukunft, etwas aus der Vergangenheit. Das ist es, was Dead Can Dance für mich immer war: Eine Brücke zwischen den Zeiten.

Nico Steckelberg (Hörspiegel): Du bist durch Europa getourt um “Ark” vorzustellen. Welches war Dein persönliches Highlight-Konzert?

Brendan Perry: Ich denke ... für mich ... wahrscheinlich Bukarest, Rumänien. Dieses Konzert habe ich wirklich genossen! Ich war auch begeistert von der großen Besucheranzahl: über 2000. In der Tat, alle osteuropäischen Länder. Sofia, sehr angenehm. Ich kehre nächsten Monat nach Polen zurück um dort drei weitere Konzerte zu geben. Deutschland war übrigens enttäuschend unterm Strich. Recht geringe Besucherzahlen. Man hat einfach nicht genügend Leute zu den Konzerten ziehen können.

Nico Steckelberg (Hörspiegel): Das ist natürlich sehr schade. Wirst Du trotzdem noch einmal die Chance nutzen, mal wieder nach Deutschland zurück zu kommen?

Brendan Perry: Ja, das hoffe ich doch. Wir sind in Hildesheim beim M’era Luna.

Nico Steckelberg (Hörspiegel): Sehr schön! Das sollte man sich im Kalender schon einmal notieren. Brendan, live spielst Du ja auch den Song “This Boy”. Der basiert auf einem älteren Deiner Stücke – “Can you feel it?”. Allerdings hat er eine stark abgeänderte Vocal-Line, andere Lyrics und eine andere Instrumentierung. Aus welchem Grund diese Veränderung?

Brendan Perry: Ich habe nie eine Studio-Version von “Can you feel it?” gemacht. Den Song habe ich 2000 auf meiner ersten Solo-Tour gespielt. Ich glaube, das ist wie mit einem alten Auto, das man ausschlachtet. Man nimmt alle noch brauchbaren Teile heraus, die für einen noch gut sind, und die behält man dann. Ein neues Fahrgestell darunter montiert, neue Reifen drauf.

Nico Steckelberg (Hörspiegel): Im Song “Inferno” vergleichst Du die TV-Generation mit Dantes Vision der Hölle. Was glaubst Du, würde passieren, wenn man weltweit alle Fernsehstationen zeitgleich abschalten würde? Stell Dir vor, Du gingest auf die Straße hinaus und würdest Dich umsehen. Was passiert da?

Brendan Perry: Vielleicht wären alle Menschen einfach so, wie sie früher einmal waren. I kann mich noch an eine Welt ohne Fernsehen erinnern, in den 1950ern. Wir haben unser erstes Fernsehgerät gekauft um 1969 die Mondlandung zu sehen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie wir unseren Fernseher an dem Tag bekommen haben. Ich glaube, das war für die meisten Menschen damals der Grund sich ein Gerät anzuschaffen. Und für die Weltmeisterschaft 1966 drei Jahre zuvor. Als England Deutschland besiegte. Daran wirst Du Dich bestimmt noch erinnern.

Nico Steckelberg (Hörspiegel): (lacht) Welchen Schaden kann das Fernsehen den Menschen zufügen?

Brendan Perry: Ich denke, dass die Menschen einfach viel zu einfach unterhalten werden, in dem sie sich im Grunde nichts anderes als Scheiße ansehen. In dieser Zeit fangen sie aber nichts anderes mit ihrem Leben an, weißt Du? Für mich ist das alles nicht individuell genug. Ich denke, Fernsehen ist eine wunderbare Sache, wenn man es korrekt benutzt. So ist es mit jeder Technologie. Du benutzt zum Beispiel ein Messer um ein Stück Fleisch in Streifen oder um Gemüse in zwei Hälften zu schneiden. Aber man kann es genauso gut dazu verwenden, jemanden zu töten. Jegliche Technologie ist lediglich ein Werkzeug, und es hängt einfach davon ab, wie sie eingesetzt wird.

Nico Steckelberg (Hörspiegel): Nun haben wir über die Vergangenheit gesprochen. Und über die Gegenwart. Erzähl mir von der Zukunft. Wird es erneut elf Jahre dauern, bis ein weiteres Brendan-Perry-Album erscheint?

Brendan Perry: Ah, nein! Ich habe einen Drei-Alben-Vertrag mit Cooking Vinyl Records unterschrieben. Ich habe bereits einige Songs für das nächste Album. Und zwischen den diesjährigen Konzerten, dem Touring, werde ich noch ein paar weitere Songs schreiben. Im November, Dezember habe ich dann genug albumreifes Material um ins Studio zu gehen und das aufzunehmen. Und ungefähr zu dieser Zeit im nächsten Jahr wird es dann erscheinen.

Nico Steckelberg (Hörspiegel): Klingt gut! Weißt Du schon, in welche musikalische Richtung es diesmal geht?

Brendan Perry: Oh, ja! Sehr solide gitarren-orientiert.

Nico Steckelberg (Hörspiegel): Eher akustisch oder mehr elektrisch?

Brendan Perry: Elektrisch! Ein elektrisches Album. Hauptsächlich Gitarre, Bass und Drums.

Nico Steckelberg (Hörspiegel): Kennst Du denn schon den Titel des nächsten Albums?

Brendan Perry: (lacht) Nein, nein.

Nico Steckelberg (Hörspiegel): Wäre wahrscheinlich sowieso ein Geheimnis, oder?

Brendan Perry: Na ja, wahrscheinlich. Ich weiß nicht, ich meine, man muss doch eine Ahnung davon haben, wie das Gesamtkonzept sein wird, bevor man überhaupt beginnt über einen Albumtitel nachzudenken. Denn irgendwie muss der Titel doch schon eine Idee über die Inhalte des Albums vermitteln.

Nico Steckelberg (Hörspiegel): Nachdem ich das “Ark”-Konzert in Köln verließ, fühlte ich mich wie ein “Arkonaut”. Und ich hoffe, dass Du europa- und weltweit noch viele weitere Arkonauten auf Deinen kommenden Konzerten finden wirst. Vor allem auch hier in Deutschland, auf dem M’era Luna-Festival. Brendan, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für uns und unsere Leser genommen hast. Die letzten Worte gehören Dir!

Brendan Perry: Meine letzten Worte ... sind ... auf Wiedersehen! Denke ich... (lacht). Ich hoffe, Ihr Leser findet diesen Artikel so inspirierend, dass Ihr mein neues Album hören mögt. Ich habe zweieinhalb Jahre in “Ark” investiert. Es ist ein Werk, hinter dem sehr viel Liebe steckt.

Weblink

http://www.BrendanPerry.com

http://www.myspace.com/brendanperry
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