Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes

Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes Hot

Nico Steckelberg   25. Dezember 2011  
Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes

Hörbuch

Autor(en) oder Hrsg.
Verlag
Erscheinungsjahr
Format
CD
Anzahl Medien
3
Bei Amazon kaufen

Rückentext

Eines Tages ist es da. Steht am Ende einer Sackgasse mitten in der Stadt. Es ist ein großes Kind. Den Blick hält es demütig zu Boden gesenkt, seine Haut ist rissig. Tagsüber versammeln sich die Bewohner der Stadt um dieses Kind, veranstalten Kundgebungen und Konzerte. Nachts schlagen sie auf es ein, mit Fäusten, Stöcken und Ketten – auf die Skulptur aus weichem, niemals trocknendem Lehm, auf das Mahlstädter Kind. Der Künstler hat es ihnen zur Vollendung überlassen, hat ihnen die Aufgabe übertragen, es „in die allgemein als vollkommen empfundene Form eines Kindes zu bringen“. Zuerst treibt die Kunstbegeisterung die Bewohner der Stadt, dann kommen sie als Pilger ihrer Wut, verlieren prügelnd die Kontrolle über sich und beinahe auch ihren Verstand.

Hörspiegel-Meinung

Story/Inhalt 
 
9,0
Atmosphäre 
 
9,0
Sprecher 
 
9,0
Aufmachung 
 
8,0
Gesamtwertung 
 
8,8

Was wäre, wenn Kunst die Menschen lehren könnte, ihre inneren Aggressionen nach außen zu tragen. Wie wäre es in einer Wohnung zu wohnen, die sich als Gondel in einem Riesenrad Tag und Nacht bewegt? Was, wenn die sexuellen Fantasien des Partners nicht mehr von den realen Absichten zu unterscheiden sind. Was, wenn in naher Zukunft die Werte Fürsorge und Mutterliebe wie verruchte sexuelle Gefälligkeiten auf der Straße erwerblich wären?

Der 1982 in Graz geborene Autor Clemens J. Setz malt sich in seinen Kurzgeschichten und Erzählungen diese Szenarien aus. Er begibt sich in die Rolle seiner Protagonisten und beschreibt sehr authentisch deren Gefühlswelt. So kommt es, dass wir als Leser/Hörer oftmals ein „Bauchgefühl“ zu einer Situation entwickeln. Kein solches Bauchgefühl, wie wir es beim Lesen eines Kriminalromans haben und glauben, den Täter zu kennen. Vielmehr ist es das Vorausahnen und Spüren der Beziehungsebene zwischen den Charakteren. Es sind nur minimale Nuancen, doch wer ein Gespür für Menschen und Empathie hat, der wird schnell bemerken, wie tiefgründig Setz‘ Personen angelegt sind. Ohne große Worte, manchmal nur durch einen Satz oder eine kleine Handlung.

Dieser zwischenmenschlichen Realismus schafft die Grundlage für die Einprägsamkeit von Setz‘ Ideen. Er siedelt sie in einer fiktiven Welt an, die uns aber allzu real erscheint. Und so nehmen wir das Fiktive als gegebenes Faktum hin. Und so funktioniert dieses Buch.

Herausragend erscheint mir der Auftakt in die Geschichtensammlung: „Das Gespräch der Eltern in Hänsel und Gretel“. Das Märchen ist hinlänglich bekannt. Zu Beginn lauschen die Kinder einem Gespräch des Vaters mit der „bösen“ Stiefmutter. Aus Hungersnöten wollen sie die Kinder im Wald aussetzen. Die Brüder Grimm skizzieren die Stiefmutter sehr eindimensional böse und den Vater als den „Gewissensträger“, der sich jedoch breitschlagen lässt. Setz schnappt sich genau diesen ersten Moment des Märchens und beschreibt „die andere Seite“. Der Vater ist ein Mann voller Ängste, vor allem auch Versagensangst. Seine Partnerin nervt das selbstzerstörerische und auch selbstmitleidige Verhalten. Dennoch tröstet sie ihn mit Sex. Während des Aktes steigert sie sich mehr und mehr in ihre ungezügelte Lust hinein, die darin aufgeht, einen lustvollen Reiz darin zu verspüren, laut zu stöhnen, dass man die Kinder ja in den Wald schicken könne. Setz pflanzt der Stiefmutter ein Motiv ein. Sie sagt die bekannten Sätze nicht aus reiner Boshaftigkeit. Sie empfindet durch das Aussprechen während des sexuellen Höhepunkts einen extremen Lustgewinn. Das ist das Motiv. Das ist Setz‘ Idee.

Matthias Brandt setzt die ausgewählten Geschichten des Buches sehr gefühlvoll um. Es ist eine leise Lesung, die genauso viele kleine und feine Nuancen aufweist wie der erzählerische Inhalt, der durch sie vermittelt wird. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass Brandt hier und da etwas variiert, die Lesegeschwindigkeit öfter verändert, etwas mehr aus sich herauskommt.

Die musikalische Untermalung ist gelungen. Carsten Dahnes Stücke begleiten meist die ersten Sätze der jeweiligen Erzählung. Das Genre liegt irgendwo zwischen Ambient und jazziger Avant-Garde. Es unterstreicht die immer mal wieder leicht geisterhafte Atmosphäre der Geschichten.

Fazit: „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ ist ein nicht einfaches Hörbuch. Wer sich darauf einlassen möchte sollte seine Atemfrequenz senken um sich dem erhaben-getragenen Erzähltempo anzupassen. Als Belohnung offenbaren sich ganz feine Beziehungsgeflechte, die die eigenen emotionalen Rezeptoren „kitzeln“. Die Ideen sind frisch, die Umsetzung gelungen. Eine sehr kunstvolle Lesung, die vermutlich nicht der breiten „Pop“-Hörbuch-Masse der gefallen wird, aber allen, die Lust darauf haben, etwas niveauvoll anderes zu hören.

© 2002 - 2017 Der Hörspiegel - Lesen, was hörenswert ist. --- IMPRESSUM