Atemschaukel Hot

Nico Steckelberg   14. August 2010  
Atemschaukel

Rückentext

Rumänien 1945: Auf Anweisung Stalins werden alle arbeitsfähigen Männer und Frauen deutscher Herkunft zwischen 17 und 45 Jahren in sowjetische Arbeitslager deportiert. Ihr Schicksal schildert Herta Müller am Beispiel Leopolds.

Für die Aufnahmen zu dem atmosphärischen Hörspiel fuhr der vielfach ausgezeichnete Regis seur Kai Grehn an Originalschauplätze in die Ukraine, ließ alte Lager-Lieder neu einspielen und engagierte ein hochkarätiges Ensemble. Zudem verwendete er eine Tonaufnahme des 2006 verstorbenen Lyrikers und ehemaligen Lagerinsassen Oskar Pastior, dessen Geschichte Herta Müller in Atemschaukel erzählt.

Hörspiegel-Meinung

Story/Inhalt 
 
10,0
Atmosphäre 
 
10,0
Sprecher 
 
10,0
Soundtrack 
 
7,0
Aufmachung 
 
6,0
Gesamtwertung 
 
8,6

Leopold ist deutscher Abstammung. Das ist nicht vorteilhaft, wenn man im Jahre 1945 zugleich in der sowjetischen Region lebt. Denn alle arbeitsfähigen Deutschstämmigen werden in Arbeitslager deportiert und zur Zwangsarbeit unter schlimmsten Bedingungen gezwungen. Ein Aspekt des Krieges, der bislang vergleichsweise schwach ausgeleuchtet wurde. Herta Müller nahm sich des Themas an und schrieb ihren Roman „Atemschaukel“ aus der retrospektiven Sicht des Lagerarbeiters Leopold. Bei den Recherchen wurde sie vom 2006 verstorbenen Büchner-Preisträger Oskar Pastior unterstützt, der die Deportation am eigenen Leib erfahren hat. Pastiors Stimme eröffnet das Hörspiel mit einem Gedicht.

Was Herta Müllers Erzählweise so besonders macht, ist, dass sie einen direkten Einblick in die Gedankenwelt des von Hunger und Elend gepeinigten Leopold erlaubt. Durch eine physische Anpassung an die extremen äußeren Umstände (Brotknappheit, harte körperliche Arbeit, Diebstahl und Selbstjustiz unter den Häftlingen, Gewalt, Entbehrung, Tod, Ungeziefer, Giftstoffe) alleine durch die Macht der Gedanken und die teils philosophische Sichtweise schafft es ihr Protagonist, bei Verstand zu bleiben und sich jeden Tag aufs Neue zu motivieren. Doch man spürt in jedem Satz der retrospektiven Erzählung, wie tief die Wunden noch immer beim alten Leopold sitzen, die ihm in der Jugend beigebracht wurden.

Für ihre Arbeit wurde sie im Erscheinungsjahr des Romans „Atemschaukel“ (2009) mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. Den harten und unverschönten Stoff hat Kai Grehn in ein Hörspiel ungesetzt. Hörspiel stimmt nur bedingt, denn über weite Strecken handelt es sich um einen inszenierten Monolog. Der Ich-Erzähler wechselt vom alten Leopold (gesprochen von Vadim Glowna) zum jungen Leopold (Alexander Fehling). Dazwischen immer wieder plötzliche und abgehackte Sound-Schnipsel, die Grehn im Rahmen der Vorbereitung auf das Hörspiel auf dem Gelände der ehemaligen Kokschim-Fabrik aufgenommen hat, und die nach eigener Aussage eine hör- und wahrnehmbare Stille darstellen. Weiterhin aufgelockert wird die Lesung durch einige Dialogszenen, in denen vor allem Maria Kwiatkowsky als geistig behinderte Planton-Kati begeistern kann. Eine weitere Besonderheit stellen die Solo- oder Chor-Gesänge dar, die alte Volks- und Arbeiterlieder wiedergeben.

„Atemschaukel“ ist in keiner Weise ein normales Hörspiel. Es bricht mit sämtlichen Gängigen Konventionen. Das macht es einerseits Besonders, andererseits wirkt es an einigen wenigen Stellen unwirklich konstruiert. Allerdings macht es das Hörvergnügen – wenn man denn bei einem solch schweren Thema dieses Wort verwenden darf – eckig, kantig und bleibt mindestens genauso schwer im Ohr wie auf der Seele liegen. Das Gehörte vergisst man so schnell nicht.

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