Das Geschwür Hot

Nico Steckelberg   31. März 2012  
Das Geschwür

Rückentext

Der Winter kam früh. Sogar für North Dakota. Der Schnee nahte unaufhaltsam aus nordöstlicher
Richtung. Ich konnte ihn bereits spüren. Himmel und Horizont verschmolzen zu einem diffusen Grau. Die sichtbare Welt schrumpfte auf wenige Quadratkilometer. Ich stand auf meiner Veranda und dachte darüber nach, dass meinem Heimatort Easthope mal wieder eine harte Zeit bevorstand.
Ich sollte mich irren: Es würde unerträglich werden. Mit dem Schnee zog das namenlose Grauen in die Stadt ein. Und niemand war da, um uns zu retten.

Hörspiegel-Meinung

Story/Inhalt 
 
7,0
Atmosphäre 
 
9,0
Sprecher 
 
8,0
Soundtrack 
 
9,0
Aufmachung 
 
7,0
Gesamtwertung 
 
8,0

Nachdem Raimon Weber (Ex-„Point Whitmark“ , „Darkside Park“, Ex-„Gabriel Burns“ u.a.) schon einmal eine Folge zur noch jungen Thriller-Serie „MindNapping“ beigesteuert hatte, stammt die 7. Folge ebenfalls aus seiner Hand.

Es ist ein bedrückendes Szenario à la Silent Hill, nur ohne die Zombies. Weber versteht es, seinen Geschichten einen Gruselfaktor einzuhauchen, ohne, dass es das offensichtliche Grauen gibt. Er spielt mit der Angst und schafft dabei eine Atmosphäre, die durchaus an Stephen King-Storys angelehnt sein könnte. Die klaustrophobische Abgeschnittenheit im Schnee in Kombination mit dem schleichend auftretenden Wahnsinn ruft schnell die Erinnerung an „The Shining“ hervor; die Abkesselung einer ganzen Stadt kennen wir aus „Die Arena“. Und dennoch ist „Das Geschwür“ kein Abklatsch. Es kombiniert vielmehr viele bekannte Bestandteile bekannter Horrormotive… oder falsch, es sind eher die Erinnerungen an diese Themen, die Weber mit seiner Story kitzelt, ohne sie wirklich direkt daran anzulehnen. Geschickt!

Gestärkt wird diese starke Atmosphäre durch den Soundtrack von Marcel Schweder, der hauptsächlich aus minimalistischen, analog anmutenden Synthesizer-Tönen besteht und dem Wahnsinn der Story so noch eine kalte, ernüchternde Art verleiht. Das erinnert mich ein wenig an das von mir sehr verehrte Hörspiel „Der Prinzessin“. Prima!

Ein ganz großes Lob ist hier Gordon Piedesack zu machen. Er erzählt die Geschichte als Ich-Erzähler und schafft durch die Art seiner Aussprache ein cineastisches Flair. Sein Stimmeinsatz erinnert mich bisweilen an „The Voice“ Christian Brückner in jungen Jahren. Er schafft es, den in ihrem Wahnsinn oder ihrer Verwirrung überspielten Charakteren wie beispielsweise Douglas Welbat als Vizegouverneur, Konrad Halver als Pfarrer oder Wolf Frass als mordender Nachbar ein Gegenpol zu sein und das Hörspiel somit immer wieder zu „erden“.

Die Geräusche sind weitest gehend gut. Ich persönlich war nie ein Freund von Splatter-Sounds bei Einschüssen. Aber das ist Geschmackssache. Es gab leider auch die eine oder andere Szene, in der ich mir die räumliche Aufteilung anhand der Geräusche und Sprecherlokalisation nur schwer vorstellen konnte, beispielsweise beim Schneemobil, wenn ein Wechsel von drinnen nach draußen stattfindet. Aber alles in allem ist der soundtechnische Eindruck rund.

Fazit: „Das Geschwür“ ist ein gruseliges, klaustrophobisches und brutales Werk, das vor allem auf den stetigen Aufbau und die zunehmende Verdichtung von Atmosphäre setzt.

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