Die Winterprinzessin Hot

Nico Steckelberg   03. November 2011  
Die Winterprinzessin

Rückentext

Karlsruhe 1813: Wilhelm und Jacob Grimm erreichen den Hof des Großherzogs – mit einem Empfehlungsschreiben Goethes in der Tasche. Doch gleich nach ihrer Ankunft werden sie Zeugen von Mord und Erpressung. Was hat es mit dem Kind auf sich, dem ein englischer Lord ebenso nachjagt wie eine Gruppe indischer Priester – und welche Rolle spielt die exotische Prinzessin Jade in diesem Spiel ...?

Hörspiegel-Meinung

Story/Inhalt 
 
9,0
Atmosphäre 
 
10,0
Sprecher 
 
8,0
Soundtrack 
 
7,0
Aufmachung 
 
9,0
Gesamtwertung 
 
8,6

Vor nicht allzu langer Zeit hatte sich Marco Göllner Kai Meyers Roman „Die Geisterseher“ angenommen, um daraus ein Hörspiel zu machen. Das Ergebnis konnte sich hören lassen. Die Geschichte der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm und ihre Verwicklung in den Skandal um das unveröffentlichte, verschollene Manuskript Friedrich Schillers, wusste durch ihre imposante Vertonung beim Hörspielpublikum punkten.

Nun erscheint das Hörspiel zu Meyers Nachfolgeroman „Die Winterprinzessin“. Wieder sind die Brüder Grimm im Mittelpunkt des Geschehens. Erneut spielt ihr väterlicher Freund, der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe eine tragende Rolle. Im Auftrag Napoleons und mit Goethes Empfehlung in der Tasche der soll Wilhelm die Erziehung des geheimen Nachkommen des Kaisers übernehmen. Doch bevor es dazu kommt, wird dieser entführt. Die Brüder Grimm machen sich auf die Suche. Dabei bekommen sie es nicht nur mit berittenen Vogelmenschen zu tun, sondern auch mit drei mysteriösen Männern, die dem Mörder Spindel (vgl. „Die Geisterseher“) aufs Haar gleichen. Doch die bemerkenswerteste Bekanntschaft machen die Grimms mit der indischen Prinzessin Jade, die nicht nur die Kunst des Kämpfens versteht, sondern auch die Kunst der Suggestion und der Liebe. Eine abenteuerliche und höchst gefährliche Winterreise beginnt.

Marco Göllner setzt erneut auf viel Atmosphäre bei der Umsetzung des Stoffs. Kai Meyers Roman ist an sich bereits so cineastisch beschrieben, dass es nicht allzu schwer gewesen sein dürfte, die richtige Geräuschkulisse zu finden. Dennoch hätte man dabei einiges falsch machen können. Hat Marco Göllner als erfahrener Hörspielautor aber nicht. Im Gegenteil. Ein gutes Beispiel ist gleich die Anfangsszene: Goethes Haushälterin lauscht gemein einem Gespräch zwischen Goethe und Napoleon. Die Szene ist so spannend aus der Sicht der „Lauscherin“ gestaltet, man hört ihr Atmen, fühlt ihre Anspannung, möglicherweise entdeckt zu werden… das ist ganz hervorragend gemacht!

Auf der Sprecherseite ist es besonders Hasso Zorn, der als der alte Wilhelm Grimm die Erzählerrolle übernimmt. Den jungen Wilhelm mimt Marius Clarén, seinen Bruder Jakob Markus Pfeiffer. Die Rolle der Prinzessin spielt Dina Kürten, sie hat eine sehr schöne, indisch anmuten Art, das R auszusprechen. Bernd Vollbrecht (alias „Steven Burns“) spielt die Rolle des undurchsichtigen Lord Stanhope. Besonders bemerkenswert und wahnsinnig gut gesprochen finde ich Peter Matić in seiner Rolle als Herzog von Dalberg.

Im Vergleich zu den anderen Sprechern wirken die beiden Hauptakteure für meinen Geschmack etwas zu blass und sprechen zu gestelzt. Kai Meyer legt bei seinen Dialogen aus meiner Sicht stets Wert auf die Verständlichkeit des Gesagten im Jetzt-Empfinden. Es soll nicht „altbacken“ klingen, trotzdem der altertümlichen Sprachelemente. Dennoch intonieren die beiden Hauptsprecher ihre Texte so gestelzt als wären sie Dialoge aus Titanias Gruselkabinett. Dort machen sich solche stimmlichen Interpretationen gut, dort passen sie hinein, bei Meyers (wenngleich historischem) Abenteuer-Roman empfinde ich sie jedoch als zu befremdlich.

Der Soundtrack ist mal ganz hervorragend, mal gefällt er mir nicht so gut, weil zu eintönig oder weil er zu wenig Wiedererkennungswert hat. Insbesondere das fast ziellose Transponieren in einem der Hauptstücke von einem zum anderen Takt reißt mich aus der Geschichte heraus. Die Umgebungsgeräusche und Sounds sind Klasse! Schon ist die Aufmachung des Booklets. Zu jedem (Haupt-)Sprecher gibt es eine kleine Anekdote zu lesen. Sehr liebevoll gestaltet.

„Die Winterprinzessin“ ist ein sehr schönes Hörspiel, das eigentlich alle Elemente beherbergt, die ein gutes Hörspiel braucht. Allen voran die sehr gute, spannende und an vielen Stellen immer wieder überraschende Story der Buchvorlage, die dichte atmosphärische Stimmung, gute Sprecher und einen oft guten Soundtrack. Auf 4 CDs ist „Die Winterprinzessin“ nichts für Zwischendurch. Aber es lohnt sich, dran zu bleiben. Aber das wird sowieso jeder tun, der die ersten 20 Minuten gehört hat. Denn einmal angefangen, nimmt man dieses Hörspiel so schnell nicht wieder aus dem CD-Spieler heraus. Ich würde gerne mehr vom Team Göllner/Meyer hören. Da gibt es doch noch so viele unvertonte Geschichten… wie wär’s?

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