Tacet (Ruhe 2)           Hot

Nico Steckelberg   16. Oktober 2010  
Tacet (Ruhe 2)

Rückentext

In einer musikalischen Partitur zeigt ein ‚Tacet‘ (lat. er/sie/es schweigt) dem Musiker an, dass er sein Instrument bis zum Ende des laufenden Abschnitts beiseite legen kann.
Eine Frau hört plötzlich auf zu sprechen - ein Krankheitssymptom oder der Beschluss sich zu verweigern? Um die schweigende Leerstelle schart sich ein Panorama von Stimmen. Aus den Reaktionen ihres Umfelds lassen sich die Vorgeschichte und Gründe für ihr Schweigen heraushören. Die Redenden legen ihr Worte in den stummen Mund, versuchen sie mit immer neuen Methoden zum Sprechen zu bringen. Therapeuten werden bemüht. Doch sie richtet sich ein in ihrem Schweigen, behauptet es als asketisches Lebensmodell. Ist dieser ‚Ausdruck‘ zivilen Ungehorsams Zeichen einer höheren Weisheit? Je länger sie ihre Ruhe wahrt, desto nachdrücklicher scheint sie den Sinn von Sprache und Gemeinschaft infrage zu stellen.

TACET ist die Fortsetzung von Paul Plampers Auseinandersetzung mit verschiedensten Formen von Ruhe. In TACET (RUHE 2) wird Ruhe zu einem Totalausfall in den Kommunikationsabläufen. Das Hörspiel ist aus der Perspektive der Frau erzählt, der schweigenden Leerstelle im Zentrum. Der Hörer hört nur, was die Schweigende
hört und erfährt Ruhe als Ausdruck einer unergründbaren Sprachlosigkeit.

Hörspiegel-Meinung

Story/Inhalt 
 
10,0
Atmosphäre 
 
10,0
Sprecher 
 
10,0
Soundtrack 
 
10,0
Aufmachung 
 
7,0
Gesamtwertung 
 
9,4

Es ist die Kunst der Andeutung, die die größten Regisseure unserer Zeit beherrschten. Wir erinnern uns an die Duschszene aus Hitchcocks „Psycho“, bei dem der Zuschauer kein einziges Mal das Messer in den Körper des Opfers eindringen sieht. Und dennoch sieht man alles vor seinem geistigen Auge.

Nehmen wir Kubricks „2001“: Der Regisseur schafft es durch verlangsamte Bilder und eine enorm geschickte Kameraführung Schwerelosigkeit und Isolation spürbar zu machen.

Nun ist das Medium Hörspiel noch lange nicht so populär wie das Medium Film. Und die Möglichkeiten sind um einiges begrenzter als die des Films. Und dennoch gibt es immer wieder Innovationsmöglichkeiten, die man so vorher nicht erwartet hätte.

Ein Garant für tiefgründige, qualitativ hochwertige und immer wieder überraschende Hörspiele ist Paul Plamper. Sein neuestes Werk heißt „Tacet – Ruhe 2“. Es ist der Nachfolger zum Projekt „Ruhe 1“, aber davon völlig unabhängig.

Es geht um eine junge Frau, die ganz plötzlich aufhört zu reden. Sie ist stumm. Niemand weiß, warum, niemand weiß wie lange. Nur anhand der Reaktionen ihres Umfeldes nimmt der Hörer sie wahr. Noch nie hatte jemand die Hauptrolle in einem Hörspiel, der keinen einzigen Satz spricht, der eigentlich gar nicht existiert. Die Wirkung ist enorm: Es entsteht die Silhouette einer Frau, es entstehen Charakterzüge dieser Person, die einzig aus den verzweifelten Interaktionen ihres Umfeldes umrissen werden. Dass es auch um das Thema „Abweichen vom Normalverhalten“ geht, tritt beinahe in den Hintergrund vor der grandios innovativen Erzählweise.

Der Soundtrack besteht alleine aus Innen- und Außen-Atmos. Die Sprecher wirken wie aus dem echten Leben mitgeschnitten. Sie sind authentisch bis in die Haarspitzen, und das vermittelt dem Hörer ein noch intimeres Gefühl des Voyeurismus.

Paul Plamper hat sich mit „Tacet – Ruhe 2“ selbst übertroffen. Prädikat: Hörenswert!

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