Fallbeil für Gänseblümchen: Der Spionageprozess gegen Elli Barczatis und Karl Laurenz im Originalton

Fallbeil für Gänseblümchen: Der Spionageprozess gegen Elli Barczatis und Karl Laurenz im Originalton           Hot

Nico Steckelberg   27. Januar 2013  
Fallbeil für Gänseblümchen: Der Spionageprozess gegen Elli Barczatis und Karl Laurenz im Originalton

Hörspiel

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CD
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1
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Rückentext

23. September 1955, ein Gerichtssaal in Ostberlin: Die langjährige Sekretärin des DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl und ihr Geliebter sind der Spionage für den Westen angeklagt. Die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen. Doch die Staatssicherheit schneidet die Verhandlung mit.
Jetzt, über ein halbes Jahrhundert später, sind die Bänder zugänglich: ein Originaldokument, das von Liebe und Angst erzählt und das die Furcht der SED-Führung offenlegt vor den Aktivitäten der westdeutschen «Organisation Gehlen», später Bundesnachrichtendienst. Zwei Menschenschicksale im Getriebe des Kalten Krieges, ehemals überzeugte Genossen vor einem unbarmherzigen Gericht.
Das Feature von Maximilian Schönherr sprengt den Rahmen deutsch-deutscher Vergangenheitsbewältigung und zeigt exemplarisch, wie Rechtsprechung in einer Diktatur funktioniert. Ein gewaltiges Stimmendrama, das unter die Haut geht.
«Fallbeil für Gänseblümchen» wurde im Rahmen des internationalen featurepreis '12 der Stiftung Radio Basel mit dem ersten Preis ausgezeichnet.

Hörspiegel-Meinung

Story/Inhalt 
 
10,0
Atmosphäre 
 
10,0
Sprecher 
 
10,0
Soundtrack 
 
10,0
Aufmachung 
 
6,0
Gesamtwertung 
 
9,2

Rechtsprechung in einer Diktatur, das ist eigentlich eine Farce, ein Theaterstück. Lebensbedrohlich ernst waren jedoch die Gerichtsverhandlungen für diejenigen, die auf der Anklagebank des 1. Strafsenats der Deutschen Demokratischen Republik saßen. Insbesondere, wenn es um politisch relevante Themen wie Spionage ging.

Die ehemalige Sekretärin des DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, Elli Barczatis, und ihr Geliebter, der westdeutsche Agent Karl Laurenz, haben ein solches Strafverfahren nicht überlebt. Der Mitschnitt wesentlicher Teile des Gerichtsverfahrens war lange Jahre unter Verschluss. Maximilian Schönherr hat aus dem beeindruckenden Tondokument ein inzwischen preisgekröntes Radiofeature zusammengestellt. Dabei gibt es nur wenig erklärenden Erzähltext, der von Gerd Wameling sachlich in den Zwischensequenzen vorgetragen wird. Alle anderen Aussagen treffen die O-Töne selbst.

Es ist eine bewegende Erfahrung, die Stimmen der Verurteilten zu hören, denen bereits klar ist, dass ihnen eine harte Strafe bevorsteht. Und beide gehen unterschiedlich mit der ungerechten Anklage um. Während Karl Laurenz klug argumentiert und äußerst schlagfertig auf alle Fangfragen reagiert, ist Elli Barczatis als Nichtagentin gänzlich ungeübt im Umgang mit Suggestivfragen und manipulativen Verhören durch übermächtige Autoritätspersonen. Das ist auch kein Wunder, denn selbst als unbeteiligter Hörer, den fast 60 Jahre vom Gerichtsprozess trennen, fühlt man die Bedrohung beinahe körperlich. Staatsanwalt Lindner und der vorsitzende Richter Walter Ziegler arbeiten Hand in Hand. Dabei hat man den Eindruck als bedürfe es keines Staatsanwalts, zumal Ziegler die Angeklagten wie Schlachtvieh argumentativ vor sich her treibt, bis sie in die Falle tappen. Speziell im Umgang mit Barczatis bildet er eine perfide Mischwirkung aus Vertrauen erhaschender Versöhnlichkeit und gnadenloser Autorität heraus, die zum Erfolg führt. Im Gegensatz zu Barczatis tappt Laurenz hingegen nie in eine solcher Fallen, am Ende nützt es jedoch auch ihm nichts. Das Urteil steht – so scheint es – fest, bevor der Strafprozess begann. Was folgt sind die bewegenden Plädoyers der Angeklagten (es gab keine Verteidiger im Prozess), ein letzter Versuch, sich vor dem von Lindner geforderten Todesurteil zu befreien, ein letztes Betteln um Gnade. Vergeblich.

„Fallbeil für Gänseblümchen“ ist ein Tondokument, das nicht nur im Geschichtsunterricht seinen Einsatz finden sollte. Wann immer über „Ostalgie“ gewitzelt wird, sollte man immer auch im Hinterkopf behalten, dass das politische System seiner Tage keine Opposition duldete. Und dass Menschen noch vor wenigen Jahrzehnten auf Deutschem Boden von offiziellen Gerichten zum Tode verurteilt wurden, weil sie sich (ganz gleich ob direkt oder indirekt) für Freiheit eingesetzt haben. Dem Hörer wird fast physisch bewusst, wie wichtig unsere Gerichtsbarkeit ist und wie beruhigend der Gedanke, sich darauf verlassen zu können, dass Schuld und Strafmaß in Relation zueinander stehen.

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