Die Gartengallier - Unbeugsamer Widerstand in Wiener Neustadt

Die Gartengallier - Unbeugsamer Widerstand in Wiener Neustadt Hot

Ecke Buck   15. Dezember 2011  
Die Gartengallier - Unbeugsamer Widerstand in Wiener Neustadt

Hörspiel

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CD
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1
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Rückentext

Eine kleine Gruppe von Schrebergärtnern im Bezirk Wiener Neustadt schliesst sich unter dem Namen ‹Die Gartengallier› zusammen. Sie fühlen sich als benachteiligte Minderheit im eigenen Land. Direkt neben ihren Gärten im Industriegebiet soll ein islamisches Kulturzentrum gebaut werden. Dagegen wollen sie sich wehren. Der Wiener Neustädter Bürgermeister bietet eine Mediation an, doch die scheitert. «Wir haben so viele Vorschläge gemacht», sagen die Gartengallier. «Wir waren für alles offen», sagen die türkisch-österreichischen Bauherren. Nun sind die Fronten verhärtet und die Gartengallier vernetzen sich im Internet mit eigener Homepage und mit der ‹Bewegung Pro Österreich›, die sich gegen islamische Mehrzweckbauten und gegen die Islamisierung Österreichs richtet.

Hörspiegel-Meinung

Story/Inhalt 
 
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Atmosphäre 
 
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Sprecher 
 
7,0
Soundtrack 
 
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Aufmachung 
 
9,0
Gesamtwertung 
 
9,0

In Österreich haben sie inzwischen fragwürdige Berühmtheit erlangt. Als ich zum ersten Mal den Namen „Gartengallier“ wahrnahm, fand ich den Begriff zunächst harmlos-amüsant. Doch dahinter steht eine ernste Thematik, wie Monika Kalcsics Audiofeature für ORF 1 zeigt.

Die „Gartengallier“ sind eine Gruppe von (inzwischen nur noch) 6 Kleingärtnern, die sich gestört fühlen. Seit vielen Jahren bereits haben sie ihren Garten nahe der Bahnstrecke und unter der Einflugschneise eines Flughafens in Wiener Neustadt. Aber Bahn- und Fluglärm sind nicht das Problem. Das Problem: Sie waren als erste hier. Nun wird in direkter Nachbarschaft ein islamisches Kulturzentrum gebaut. Einige Stockwerke hoch. Klar, dass die Kleingärtner sauer sind über Baulärm und verbaute Sicht.

Doch das Feature zeigt noch eine ganz andere Seite der Geschichte. Nachdem die Kleingärtner es nicht geschafft haben mit rechtlichen Mitteln gegen den Bau des Zentrums vorzugehen, schlägt die Stimmung um in strikte persönliche Ablehnung. So oft auch die Aussage fällt, dass „die doch da machen können was sie wollen“ und dass „gegen ein Gebetshaus ja keiner etwas einwenden“ wolle wird schnell klar, dass das eigentliche Problem noch viel tiefer sitzt als diese verharmlosenden Aussagen glauben machen.

Ich als Hörer habe den Eindruck, dass eine große innere Angst vor fremder Kultur und Religion hier zu kleinkriegartigen Verhältnissen führt. Da werden falsch parkende Autos durch die Besucher des Tags der offenen Tür als persönliche „Provokation“ aufgefasst. Die Polizei wird bei jeder (auch kleinen) Ordnungswidrigkeit gerufen. Natürlich verhält sich die Gegenseite auch nicht immer politisch korrekt. Es fallen auch hier reaktive Aussagen, die vielleicht nicht hätten fallen sollen (z. B. der Vergleich mit der Hitler-Zeit).

Aber: Die massive, sarkastische bis zynische Art, mit der hier gegen die „neuen Nachbarn“ auch mit Hilfe der Presse und von Parteien Propaganda betrieben wird, ist erschreckend direkt und wirkt auf mich verbittert und hassgetränkt. Immer auf eine mal subtile, mal platt-direkte Art schwarzhumorig und denunzierend. Dass bestimmte kritische Aussagen nicht getroffen werden, sondern mitunter vorsichtig um den Brei herum geredet wird, jedoch so, dass der Empfänger der Botschaft dennoch genau weiß, was die Aussage ist, zeugt von einer hohen Intelligenz mit der die Beteiligten hier argumentativ für ihre Sache vorgehen. Und jegliches Handeln steht unter dem Motto „Ihr werdet schon sehen, was Ihr davon habt“.

Es ist traurig, dass es soweit kommen musste, diese Aussage treffen beide Seiten. Und als Hörer kann man nur den Kopf schütteln vor so stark verhärteten Fronten. Hier wird nie Frieden herrschen. Sehr schade, dass hier ein Einzelfall die Integrationsversuche eines ganzen Landes in den Schatten stellt. Zwar ist hier die Aussage der Kleingärtner, dass ein „Megaislamzentrum“ die Integration hemme.


Ich kann das faktische Grundproblem (Baulärm und Co) nachvollziehen, aber die Maßnahmen und Aussagen sind Stammtischparolen par excellence. Jeder O-Ton erweckt den klaren Eindruck, dass es unter dem Deckmantel der bewusst gewählten Worte und Statements brodelt und dass das eigentliche Problem nicht der Baulärm und nicht die verbaute Aussicht sind, sondern die Andersartigkeit der neuen Nachbarn.

Das Feature ist vor allem anderen zwei Dinge: eine interessante Charakterstudie und ein Beispiel für die gelebte Angst vor Veränderung. Ein erschütterndes Hörfeature. Gut umgesetzt, immer um Neutralität seitens der Macher bemüht. Die Meinung bildet sich aber auch nicht der Hörer selbst. Vielmehr sind ausschließlich die eigenen Aussagen der Gartengallier Ursache dafür, dass man als Hörer nur den Kopf über sie schütteln kann.

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