Die Wellenläufer

Die Wellenläufer Hot

Nico Steckelberg   22. August 2009  
Die Wellenläufer

Rückentext

Die Karibik am Anfang des 18. Jahrhunderts: Ein magisches Beben erschüttert die Küsten der Karibik. Und in finsteren Piratenhäfen werden Kinder geboren, die über Wasser gehen können. Jahre später glaubt Jolly, dass außer ihr keine anderen Wellenläufer mehr am Leben sind. Bis sie Munk begegnet. Auch er versinkt nicht im Wasser – und kann aus Muscheln einen uralten Zauber beschwören. Ein rätselhafter Fremder, der Geisterhändler, schickt die beiden auf eine fantastische Reise. Gejagt von Klabautern, Ungeheuern und allen Seeräubern der karibischen See stellen sie sich einer tückischen Gefahr: dem Mahlstrom, einem dunklen Strudel, der die Barriere zwischen den Welten niederreißt.

Hörspiegel-Meinung

Story/Inhalt 
 
10,0
Atmosphäre 
 
10,0
Sprecher 
 
10,0
Soundtrack 
 
10,0
Aufmachung 
 
8,0
Gesamtwertung 
 
9,6

Das Hörspiel „Die Wellenläufer“ basiert auf der gleichnamigen Piraten-Fantasy-Trilogie von Kai Meyer.

Im ersten Teil „Die Wellenläufer“ lernen wir Jolly kennen, ein junges Mädchen, das tatsächlich über das Wasser gehen kann. Menschen mit dieser Begabung werden Quappen genannt. Da Jolly die einzige Quappe auf der Welt ist, ist sie bei Seeräubern als Verbündete überaus beliebt, denn niemand erwartet einen Angiff durch ein über das Wasser der Karibik laufendes Mädchen. Doch die Mannschaft und der Kapitän, mit dem Jolly unterwegs ist, werden verraten, und nur ihr gelingt die Flucht. Halb tot strandet sie auf der einsamen Insel von Munk und seinen Eltern, welche Plantagen besitzen, die von Geisterarbeitern bewirtschaftet werden. Jolly erfährt, dass sie offenbar doch nicht die einizige Quappe auf der Welt ist. Munk, der Junge in ihrem Alter, besitzt ebenfalls ihre besondere Eigenschaft über Meerwasser laufen zu können. Sehr schnell wird Jolly und Munk bewußt, dass sie gesucht werden. Der finstere Mahlstrom hat seine Schergen nach den beiden letzten Quappen ausgesandt. Munks Eltern kommen beim ersten Angriff ums Leben, so dass er und Jolly sich dem Geisterhändler anschließen und auf dessen stilecht von Geistermatrosen geführten Schiff in das Abenteuer ihres Lebens zu segeln. Auf ihrer Flucht vor dem Mahlstrom treffen sie auf zahlreiche Verbündete und Feinde wie den den sprechenden hexhermetischen Holzwurm, Buenaventure, den Pitbull-Mann, die Piraten-Prinzessin Soledad und viele andere. Die erste Etappe der Trilogie endet in der Seesternstadt Aelenium, die es zu beschützen gilt.

In „Die Muschelmagier“ – dem zweite Teil der ursprünglichen Wellenläufer-Trilogie - webt Kai Meyer die Geschichte um das Piratenmädchen Jolly und ihre Gefährten weiter. Der Mahlstrom ist bereit, seine zerstörerische Kraft auszubreiten um die Karibik und die ganze Welt zu vernichten. Wieder erwarten Jolly und Munk zahlreiche Gefahren, darunter unzählige Klabauter und der Kannibalenkönig. Man erfährt mehr über die Muschelmagie, die Munk beherrscht und die nun auch Jolly lernt. Die Verbündeten gehen nun oft eigene Wege, und es gibt einige Eifersuchtsszenen zwischen Munk und Griffin, in den sich Jolly „verguckt“ hat.

Im dritten Teil – „Die Wasserweber“ – kommt es zum letzten Schlag durch die Angreifer auf die Seestern-Stadt Aelenium. Jolly und Munk müssen unter Wasser bis zur Quelle des Mahlstroms vordringen, um die Stadt zu retten. Dabei treffen sie am Grund des Meeres auf zahlreiche neue Gefahren und sie erfahren die schreckliche Wahrheit über den Mahlstrom und die anderen Quappen, deren Verschwinden in einem engen Zusammenhang mit den Ereignissen in der Karibik zu stehen scheint. Und Jolly macht Bekanntschaft mit drei magischen Geschöpfen: Den Wasserweberinnen. Ein wuchtiges, actiongeladenes Ende, das Wert auf einen alle Fragen beantwortenden Abschluss legt und durch seine großen epochalen Schlacht-Szenen brilliert.

Man merkt: Meyers Ideen sind fabelhaft. Doch auch Emotionen kommen hier nicht zu kurz. Die Charaktere haben klare Motivationen und die Beziehungen unter einander sind spannend konstruiert, so dass es auch auf dieser Ebene nicht langweilig wird. Die Atmosphäre übersteigt die anderer Jugendromane um Längen. Ein Flair irgendwo zwischen „Fluch der Karibik“, den alten Errol-Flynn-Filmen und „The Secret of Monkey Island“.
Übrigens handelt es sich gewiss nicht um einen „Pirates of the Caribbean“-Klon oder einen Mitläufer auf der Trendwelle. Denn dass dieser Film heraus kommen würde, wurde erst bekannt, nachdem Kai Meyer bereits angefangen hatte, die Wellenläufer-Trilogie bereits zu Papier zu bringen. Hierzu gibt es ein tolles und interessantes Vorwort des Autors im Booklet.

Die Hörspiel-Umsetzung aus dem Hause Stil (u.a. „Edgar Allan Poe“, „Perry Rhodan“, „Die Alchimistin“ u.a.) fasst alle drei Teile der Romanvorlage zu einer 425-minütigen Hörfassung zusammen und zählt für mich (neben dem SWR-Hörspiel zu Andreas Eschbachs „Eine Billion Dollar“, der Radio Bremen/WDR-Produktion „Neuromancer“ nach William Gibson und wenigen anderen) zu einer der besten Hörspieladaptionen einer Buchvorlage der letzten Jahre.

Der Soundtrack ist orchestral gehalten, mutet stellenweise karibisch (z.B. Indioflöten) oder maritim an (Akkordeon) und ist hervorragend von Stil selbst produziert. Melodien werden als Wiedererkennungsfaktor eingesetzt, so erschallt jedes Mal beim Auftauchen des Mahlstroms, eine düstere Melodie, die an Richard Strauß‘ „Also sprach Zarathustra“-Thema anlehnt und gut verdeutlicht, um welche Urmacht es hier eigentlich geht. Die abenteuerlich-romantischen Schiffsszenen erhalten ebenfalls eine eigene Melodie, die ein wenig an Vangelis‘ „1492“-Soundtrack erinnert und somit passende und sehr visuelle Assoziationen hervorruft.

Das Sounddesign ist überwältigend. Nicht nur die donnernden Kanonen, die brausende See oder der Klang der Zauberperlen oder Geister wissen zu überzeugen, auch das Laufen auf Wasser hat einen ganz eigenen Sound.

Alle Sprecher wurden prima ausgewählt. Allen voran Anne Helm als Jolly und Yara Blümel-Meyers als Soledad. Hervorzuheben ist auch Simon Jäger in seiner Glanzrolle als Griffin. Gut gewählt ist ebenfalls David Turba als Munk, der manches Mal etwas verschüchtert und „lieb“ erscheint, was in einem hervorragenden Kontrast zu seinem Kontrahenten in Liebesdingen, Griffin, stellt. Eine sehr wichtige Rolle übernimmt der Schauspieler Michael Mendl als Geisterhändler. Stefan Kaminski, das Ein-Mann-Theater, mimt den hexhermetischen Holzwurm, wobei ihm besonders am Ende der Geschichte seine Stimmvielfalt zu Gute kommt. Jürgen Kluckert hat eine sehr lustige kleinere Rolle. K. Dieter Klebsch als Bannon hätte ich gern häufiger gehört, eigentlich viel lieber in der Rolle des Kannibalen Tyrone. Diesen spielt Udo Schenk – zwar hervorragend gemacht, aber ich verbinde mit seiner Stimmfarbe keinen Kannibalenkönig, wenngleich Schenk ordentlich böse klingt. Dies ist für mich die einzige Rolle, bei der ich einen anderen Sprecher gewünscht hätte – das sage ich, obwohl ich Schenk-Fan bin. Mit Friedhelm Ptok als Erzähler haben Simon Bertling und Christian Hagitte von Stil einmal mehr die richtige Wahl getroffen. Allerdings vermisse ich Andreas Fröhlich ein ganz klein wenig, der die Hörbücher zu „Die Wellenläufer“ gelesen hat.

Und wer die Sprecherliste einmal mit der von Stils „Die Alchimistin“-Hörspielen vergleicht (ebenfalls eine Kai Meyer-Adaption), der wird mit Yara Blümel-Meyers und Friedhelm Ptok zwei bekannte Namen in wichtigen Positionen wiederfinden. Erfreulich. Samuel Weiss spielt hier – genau wie in dem Hörspiel-Prequel „Der Klabauterkrieg“ (WDR) – den Walker.

Fazit: „Die Wellenläufer“ ist ohne Übertreibung ein Über-Hörspiel. Das dürfte Ihnen als Leser bereits an Hand der Vielzahl der Superlative in dieser Rezension aufgefallen sein. Eine bessere Piraten-Fantasy-Geschichte gibt es nicht als Hörspiel. Ganz großes Kino!

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