Panama Papers           Hot

Nico Steckelberg   11. April 2017  
Panama Papers

Hörbuch

Untertitel
Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung
Sprecher
Erscheinungsjahr
Format
MP3-CD
Anzahl Medien
2
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Rückentext

Alles beginnt in München. Zwei junge Reporter erhalten die Daten hunderttausender Briefkastenfirmen. Darin finden sie die mächtigsten und reichsten Menschen der Welt. Die beiden Journalisten folgen den Spuren – mithilfe von 400 Reportern aus 80 Ländern – und stoßen auf die versteckten Milliarden von Präsidenten, Verbrechern und ganz normalen Superreichen. Es ist, als würde man in einem dunklen Raum das Licht anknipsen: Plötzlich ist alles sichtbar.

Hörspiegel-Meinung

Story/Inhalt 
 
10,0
Atmosphäre 
 
10,0
Sprecher 
 
10,0
Aufmachung 
 
6,0
Gesamtwertung 
 
9,0

Es ist absurd, sich nach diesem Hörbuch Gedanken darüber zu machen, wie man seinen Lebensunterhalt verdient. Denn die Enthüllungsgeschichte um die „Panama Papers“ hebt jegliche Relation aus den Angeln. Als die SZ-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier (von ihren Redaktionskollegen liebevoll „Die Gebrüder Obermayer/maier“ genannt) von einem Whistleblower namens John Doe angeschrieben werden, ahnen sie nicht, dass es hierbei um das bis dato größte Leak in der Geschichte des investigativen Journalismus geht.
 
Vielen Lesern dürfte der Begriff „Panama Papers“ aus den Medien bekannt sind. In ihrem Buch erklären die beiden Autoren, wie sie mit den Daten umgegangen sind, wie sie recherchiert haben, die Schritte zur Veröffentlichung planten, wie sich die weltweite Vernetzung mit anderen Journalisten entwickelte, welche technischen Probleme die Recherche in GigaByte-weise Mails, PDFs, Fotos, Textdateien mit sich brachte. Man macht sich davon ja keine Vorstellung. Ebenso wenig wie von der Angst, die alle Journalisten verspürt haben müssen, als sich offenbarte, welche Persönlichkeiten in den Skandal verwickelt waren.
 
Es geht um das Datenleck in den inneren Kreisen des panamaischen Offshore-Dienstleisters Mossack Fonseca, dessen Geschäftsmodell ein Full-Service-Angebot für die Gründung von Briefkastenfirmen in so genannten Steueroasen vorsieht. Aus den nichtöffentlichen Unterlagen geht hervor, dass unter den Kunden der Kanzlei nicht nur Staatsoberhäupter, Wirtschaftsbosse, Prominente, Banken und ihre Tochterfirmen, Vielverdiener und Geheimagenten sein sollen, auch sollen gemäß der Unterlagen Diktatoren und kriminelle Personen oder Vereinigungen und international sanktionerte Personen die Dienstleistungen genutzt haben um Gelder für die Behörden „unsichtbar“ zu machen oder/und sie nicht im eigenen Land versteuern zu müssen. Auch von der „Ermöglichung von terroristischen Anschlägen“ ist die Rede.
 
Kann so ein Konstrukt legal sein? Rechtlich offenbar schon, zumindest handelt es sich teilweise um Grauzonen, die durch interne Compliance-Einrichtungen begleitet werden. Hier zeigen Obermaier und Obermayer an einigen Fällen auf, dass diese jedoch keine Wirkung haben. Schlimmer noch, veröffentlichte Mailwechsel der Kanzlei vermitteln den Eindruck als würden bewusste Entscheidungen getroffen, die im allgemeinen moralischen Empfinden eines Normalsterblichen Arbeitnehmers oder Selbstständigen auf eine enorme Abneigung stoßen.
 
Es ist gänzlich unbegreiflich, wie leicht es möglich zu sein scheint, Milliarden von US-Dollar an den Finanzämtern der Staaten vorbeizuschleusen. Und damit ganzen Volkswirtschaften und damit Staatsbürgern, Menschen – selbst den Ärmsten der Ärmen –  dieses dringend erforderliche Kapital entziehen. Ganz einfach, durch ein Konstrukt von Stiftungen, Briefkastenfirmen mit gegenseitiger Beteiligung und Pro-Forma-Direktoren, einer Serviceleistung aus dem Dienstleistungskatalog. Der „echte“ Eigentümer und Lenker der Geschicke (und damit der finanzielle Nutznießer) ist schlichtweg für die Behörden unsichtbar, da das Eigentum am Firmengeflecht über Inhaberaktien belegt wird. Das bedeutet, niemand weiß im Zweifel, wem die Firma gehört. Außer demjenigen, der im physischen Besitz der Aktie ist. Und seine Kanzlei, versteht sich. Welche sich für ihre Dienstleistungen und ihre Verschwiegenheit selbstverständlich entlohnen lässt.
 
Auf diese Weise lassen sich übrigens nicht nur Steuern, sondern auch diverse andere Gebühren sparen. Kaufen Sie ein Grundstück auf Kosten und zugunsten Ihrer Briefkastenfirma, halten Sie die Inhaberaktie. Wenn Sie nun das Grundstück verkaufen möchten, verkaufen Sie einfach die Inhaberaktie und der Käufer braucht keinen Cent Grunderwerbssteuer zu zahlen. Er kauft ja nur die Firma, die Grundstücksrechte bleiben unverändert. Clever, oder nicht? Asozial und moralisch unter aller Sau, würden vermutlich diejenigen sagen, die die wirkliche Wertschöpfung erbringen.
 
Es ist gut, dass es Menschen gibt, die solche Konstrukte aufdecken. Denn es geht an allen vorbei, die nicht genug Vermögen haben, um sich damit beschäftigen zu müssen. Dieses Leak hat dazu geführt, dass sich Steuerflüchtlinge und Vielverdiener mit unlauteren Absichten nicht mehr sicher fühlen können. Selbst in den scheinbar innersten Kreisen gibt es Mitarbeiter, die sich Gedanken um das große Ganze machen, und die ihre persönliche Zukunftsangst zurück stellen, ihren Job, ihre Gesundheit, Sicherheit und sogar ihr Leben riskieren um die Sauereien auf dieser Welt zu offenbaren. 
 
Die „Panama Papers“ sind ein Skandal wie ihn die Welt so bislang nicht gesehen hat. Sie zeigen auf, dass die reine Finanzkraft des Kapitals inzwischen die Kontrolle über die Geschicke der Welt übernommen hat. Regierungen sind solange machtlos, wie sie in Steuersachen nicht vernetzt zusammenarbeiten und gemeinsam korrupte Entscheidungsträger zum Rücktritt bewegen. Und sollte dies nicht klappen, dann gibt es noch den investigativen Journalismus, der den Wählern zeigt, was in ihren Ländern passiert. In früheren Zeiten hat es bereits für kleinere Motive Kriege gegeben. Wir können uns glücklich schätzen in einer vergleichsweise moderaten Zeit zu leben. Das bedeutet jedoch nicht, dass man solche Zustände als gegeben hinnehmen muss. 
 
Und dass es etwas bringt, aufzustehen und sich zu wehren, zeigt dieser Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 03.04.2017, sozusagen ein „Was danach geschah“: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/panama-papers-das-ende-einer-skandal-firma-1.3448942
 
Das Hörbuch „Panama Papers“ kann ich nur wärmstens empfehlen. Sehr interessant sind auch die Hintergründe, wie die Journalisten mit Daten und wichtigen Entscheidungen umgegangen sind. Selbst, wenn es um Finanzthemen geht, es wird einfach nie langweilig. Skandal reiht sich an Skandal, und man mag nur mit dem Kopf schütteln, wer da was alles getan haben soll. Es wirkt beinahe wie Fiktion, doch alles ist echt. 
 
Olaf Pessler liest es äußerst spannend, ich möchte seine Vortragsweise mit einer Mischung aus Gert Heidenreich und Till Hagen beschreiben. Genial betont, seriös und doch mit Esprit und Witz, ohne dabei die Ernsthaftigkeit des Themas aus den Augen zu verlieren.
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