Der Friedhof in Prag Hot

Nico Steckelberg   26. November 2012  
Der Friedhof in Prag

Hörbuch

Autor(en) oder Hrsg.
Erscheinungsjahr
Format
MP3-CD
Anzahl Medien
2
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Rückentext

Paris, 1897. Der Italiener Simonini erwacht in einer Pariser Wohnung ohne Erinnerung an die vergangenen Tage. Er beginnt Tagebuch zu schreiben, um sich von seiner Kindheit über die Erlebnisse während des Risorgimento und der Pariser Kommune an die Gegenwart heranzutasten. Doch während er schläft, kommentiert jemand seine Einträge und entlarvt Simonini nicht nur als durchtriebenen Fälscher und Agenten, sondern auch als höchst gefährlichen Antisemiten und Mitverfasser der "Protokolle der Weisen von Zion". Atemberaubend virtuos spielt Umberto Eco mit historischen Fakten und literarischer Fiktion, mit Wahrheit und Fälschung, mit Identität und Erinnerung.

Hörspiegel-Meinung

Story/Inhalt 
 
8,0
Atmosphäre 
 
9,0
Sprecher 
 
10,0
Aufmachung 
 
8,0
Gesamtwertung 
 
8,8

Wir alle kennen das Agententum vor allem aus den Spionagefilmen der 1960er Jahre. Dass Spionage und Nachrichtendienste jedoch schon viel älter sind, dürfte jedoch auch vielen Bond- und Bourne-Fans von heute bewusst sein.

Umberto Eco, der Großmeister der intellektuellen Unterhaltungsromane, hat sich des Themas angenommen. Sein Protagonist Simon Simonini lebt im 19.. Jahrhundert. Er ist ein begnadeter Fälscher. Es gibt nichts, was er nicht fälschen kann. Sein wichtigstes Arbeitsmittel: Seine eigene Fantasie. Und so wird sein größtes Lebenswerk die Geschichte der Rabbiner, die auf dem Prager Friedhof eine okkulte Messe veranstalten um ihre Weltverschwörung zu initiieren. Doch Simonini hat ein Problem: Er weiß nicht genau, wer er ist. Lang schon hegt er den Verdacht, dass er ein Doppelleben führt, von dem er selbst jedoch nicht das geringste mitbekommt. Wer ist dieser ominöse Abbé dalla Piccola, mit dem er sich regelmäßig in Briefen austauscht, und der seinerseits vermutet, Simonini und er seien eine Person. Doch das alles ist eher nebensächlich, denn vordergründig ist Simoninis Ziel, den Juden eins reinzuwürgen. Und da kommen ihm Gelegenheitsjobs mit großer politischer Tragweite mindestens genauso gelegen wie seine größte Arbeit über das Nächtliche Treffen auf dem Friedhof in Prag.

Umberto Eco schreibt mit so viel Sachverstand und schwarzem Humor, dass es eine Wonne ist. In einem Satz: Eco webt seinen fiktiven Protagonisten in tatsächliche historische Geschehnisse ein. Simoninis Werdegang ist gespickt mit Raffinesse, Egoismus und Schläue. Er kennt weder Freund noch Fein, nur seine eigenen Ziele sind ihm wichtig. Wehe dem, der auf seine Versprechungen hereinfällt. Vor allem aber ist es sein kulinarisches Interesse, das diesem historisch fundierten Roman den letzten Feinschliff gibt. Passagenweise wird über Gerichte und Zubereitungsarten philosophiert, und man bekommt mehr als einmal einen tierischen Appetit. Allerdings hat der Roman auch seine Längen, das sollte nicht unerwähnt bleiben. Eine leicht gekürzte Hörfassung hätte sicherlich nicht geschadet.

Jens Wawrczeck liest großartig! Er ist die perfekte Besetzung für Simonini. Das immer noch Jugendlich-Freakige in seiner Stimme passt hervorragend zu der Leichtfüßigkeit, mit der der Protagonist von Auftrag zu Auftrag schreitet. Längere Erzähl-Passagen werden von Gert Heidenreich gelesen, der mit seinem leicht dokumentatorischen Stil einen guten Kontrast zu Wawrczeck bildet. Doch auch er weiß den Humor zwischen den Zeilen gekonnt in Szene zu setzen.

Besser kann an dieses Buch nicht lesen. „Der Friedhof in Prag“ erscheint als ungekürzte Lesung auf 2 MP3-CDs beim Hörverlag.

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