Phantasmen Hot

Nico Steckelberg   27. Mai 2014  
Phantasmen

Hörbuch

Autor(en) oder Hrsg.
Erscheinungsjahr
Format
MP3-CD
Anzahl Medien
1
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Rückentext

Eines Tages tauchten sie aus dem Nichts auf - die Geister der Toten. Millionen auf der ganzen Welt, und stündlich werden es mehr. Sie stehen da, bewegungslos, leuchtend, ungefährlich. An der Absturzstelle eines Flugzeugs, mitten in Europas einziger Wüste, warten zwei junge Frauen auf die Geister ihrer verunglückten Eltern. Rain hofft, die Begegnung wird ihrer jüngeren Schwester Emma helfen, Abschied zu nehmen. Auch Tyler, ein schweigsamer Norweger, ist auf seinem Motorrad nach Spanien gekommen, um ein letztes Mal seine große Liebe Flavie zu sehen.

Dann erscheinen die Geister.

Doch diesmal lächeln sie.

Und es ist ein böses Lächeln.

Hörspiegel-Meinung

Story/Inhalt 
 
8,0
Atmosphäre 
 
9,0
Sprecher 
 
10,0
Aufmachung 
 
8,0
Gesamtwertung 
 
8,8

Kai Meyer ist ein Autor, der den Kontakt zu seinen Lesern nicht scheut. Schon im letzten Jahr berichtete er über seine Facebook-Seite, dass er an einem aktuellen Roman mit dem Arbeitstitel „Smile“ arbeite. „Phantasmen“, wie „Smile“ letztlich getauft wurde, spielt in der Gegenwart und nicht – wie frühere Werke des Autors– in einer geschichtlichen Epoche oder einer historisch angelegten Fantasiewelt. Der Roman hat – ebenso wie „Asche und Phoenix“ zuvor – klassische Elemente eines Grusel- und Horrorfilms.

Das Setting des Romans ist unsere gegenwärtige Welt, in der sich ein übersinnliches Phänomen zeigt. Überall dort, wo ein Mensch stirbt oder starb, erscheint sein Geist. Leuchtend, durchsichtig, völlig passiv, das Gesicht immer der Sonne zugewandt. Das Phänomen breitet sich aus, vorwärts wie rückwärts. Jeden Tag erscheinen neue Geister aus der Vergangenheit und der Gegenwart.

Die eigentliche Story beginnt rasant. Die beiden Schwestern Rain und Emma sind auf dem Weg zur Absturzstelle des Flugzeugs, in dem ihre Eltern ums Leben gekommen sind. Der Zeitpunkt ließ sich leicht errechnen und tatsächlich, die beiden Geister erscheinen. Doch dann beginnen die Geister völlig unvermittelt und bösartig zu lächeln. Rain und Emma spüren die Gefahr, die von den Erscheinungen ausgeht. Es scheint, als lächelten alle Geister zur gleichen Zeit. Überall. Wer in den Bannkreis des Lächelns gerät, stirbt und wird sofort selbst zum Geist, der fortan eine unmittelbare Bedrohung für alle lebenden Menschen darstellt. Dem Leser wird die Tragweite dieser Erkenntnis schnell bewusst: „Phantasmen“ ist ein Roman, der eine Form der Apokalypse beschreibt, und die Möglichkeiten, sich vor dem Lächeln der Geister zu verstecken, nehmen mit jedem Tag ab. Zusammen mit dem Motorradfahrer Tyler, der ihnen aus der Gefahrensituation hilft, mit dem Rain aber immer wieder aneckt, durchleben sie ein apokalyptisches Roadmovie mit mehreren Gegnern: Auf der einen Seite eine hochorganisierte Söldnertruppe mit undurchsichtigen Motiven und schier unbegrenzten Möglichkeiten, auf der anderen Seite die Heerscharen von Geistern, die eine tödliche Gefahr darstellen, sobald die nächste „Smile-Wave“ ansteht.

Kai Meyer gelingt ein Roman, der das Tempo seiner jüngeren Romane noch einmal toppt. Das Feeling kommt nah an das eines Zombiefilms heran. Es gibt Berge von Leichen und Gegner, die trotz ihrer eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten ihre Opfer „kriegen“. Immer! Ähnlich „passiv aggressiv“ sind nur die Vogelscheuchen aus Key Meyers „Sieben Siegel“-Saga. Es gibt sogar echte Gänsehaut-Momente, beispielsweise wenn das World Trade Center als geisterhaft leuchtender Schemen an der Skyline von New York auftaucht.

Es scheint, als würde Kai Meyer sich allmählich von der All-Age-Sparte verabschieden. Die Charaktere sind mindestens so detailliert und spannend gezeichnet wie beispielsweise bei der „Arkadien“-Reihe. Wer Aura Institoris aus „Die Alchimistin“, Rosa Alcantara aus „Arkadien“ und Ash aus „Asche und Phoenix“ wegen ihrer charakterlichen Ecken und Kanten mochte, wird auch Rain Mazursky von der ersten Minute an ins Herz schließen. Die Handlung jedoch ist deutlich blutiger und dadurch nur bedingt für Jugendliche geeignet. Aber machte nicht genau das den Reiz der frühen Stephen-King-Bücher speziell für junge Leser aus? Mir gefällt dieser neue „Einschlag“ bei Kai Meyer gut, weil er ihm erlaubt, die Grenzen zu überschreiten, die er mit seinen Romanen für Jugendliche und junge Erwachsene einhielt. Ich bin gespannt, ob er diesem Weg auch mit seinem nächsten Roman „Die Seiten der Welt“ folgt, der im September erscheint.

Bleibt noch eins: Maria Koschny für diese wahnsinnig gute Lesung zu gratulieren! In der deutschen Synchronisation leiht sie ihre Stimme sonst beispielsweise der Schauspielerin Gemma Arterton. Bei „Phantasmen“ schafft sie es, das Tempo des Romans perfekt in ihre Lesung umzusetzen . Sie ist verdammt schnell, kühl-ironisch und die perfekte Wahl für die Protagonistin Rain. Ich war über die ganzen 500+ Minuten des Hörbuchs gefesselt.

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