Studiobericht DECISION PRODUCTS – Teil I

Studiobericht DECISION PRODUCTS – Teil I Hot

Nico Steckelberg   25. Oktober 2009  
Studiobericht DECISION PRODUCTS – Teil I

Bericht

Veranstaltungsort
Veranstaltungsdatum
11. August 2009
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Hörspiegel-Bericht

“Seit Anbeginn der Menschheit gilt das Geheimnis der Schöpfung als ungelöst. Doch in einer kleinen Stadt an der Ruhr werden seit einigen Jahren unter dem Mantel der Verschwiegenheit neue Welten erschaffen. Es ist an der Zeit, dass Sie die Wahrheit erfahren. Willkommen ... in Fröndenberg.”

Dienstag, 11. August 2009.

Das Auto, neben dem ich parke, hat eine Gabriel-Burns-CD auf dem Armaturenbrett liegen. Ganz falsch kann ich hier also nicht sein. Aber ich kann nirgendwo die gesuchte Hausnummer erkennen. Dennoch steige ich aus meinem Wagen und trete durch ein Tor in den Vorgarten des Hauses. Eine Sonnenliege steht verlassen auf dem Rasen. Eine Tür steht offen. Hinter der Tür: Dunkelheit. Bin ich hier richtig? Keine Anzeichen von Leuchttürmen oder Nachtkathedralen.

“Ganz richtig hier, komm’ rein”, höre ich eine Stimme aus dem Inneren, und ich trete ein. Nun stehe ich in dem Raum hinter der Tür. Es ist ein Büro. Volker Sassenberg, der Produzent und Regisseur der Bestseller-Hörspielserien “Point Whitmark”, “Gabriel Burns” und “Abseits der Wege” heißt mich willkommen. Ich bedanke mich für die Einladung und schaue mich interessiert um. Dann wird mir auch direkt ein Kaffee angeboten, schwarz und heiß wie die Hölle.

Volker Sassenberg führt mich durch die heiligen Hallen des Tonstudios, in dem all die tollen Hörspiele entstanden sind. Cover-Illustrationen zieren die Flurwände, und in einer Vitrine kann ich einen Hörspiel-Award erkennen. Eine Tischtennisplatte und andere Sportgeräte laden zu aktiven Pausen ein.

In einem Aufnahmeraum spielt Marc Sander gerade Gitarrenspuren für die künftigen Soundtracks ein und Kay Müller editiert in einem weiteren Raum die Sprachaufnahmen der Gabriel Burns-Folge 36, die sich offenbar gerade in der Produktion bedindet. Aus den wenigen erhaschten Sekunden Sprache erkenne ich eine außergewöhnliche Erzählersicht. Hier hat nicht Jürgen Kluckert die Erzähler-Rolle, sondern eine Frau. Mehr darf ich aber vermutlich nicht verraten, sonst werde ich nachträglich noch den grauen Engeln zum Fraß vorgeworfen.
“Ich gehe über die ‚K’s und ‚B’s noch mal drüber”, erklärt Kay Müller Volker, während dieser sich interessiert die bereits geschnittenen und mit Geräuschen hinterlegten Tonaufnahmen anhört. Gemeint ist die technische Nachbearbeitung der Konsonanten.

Nach dem Rundgang durch das Studio setzen Volker und ich uns in den schallisolierten Produktionsraum. Eine Wand voll mit integrierten Lautsprecherboxen lässt eine ordentliche Lautstärke erahnen. Davor ein großer und bis auf eine Tastur, Maus und einen Apple-Rechner leerer Arbeitstisch mit eingebauter Midi-Klaviatur darunter. Während wir uns unterhalten, spielt der Score von Burns über die Boxen.

“Wie bist Du eigentlich zum Hörspiel gekommen?” will ich wissen. “Ursprünglich kommst Du doch aus der Musik. Ich habe gelesen, dass Du auch Ton Steine Scherben produziert hast?”

“Das stimmt”, sagt Volker. “Aber ich war selbst auch Kassettenkind. Ich habe damals in der Schule bereits ‚Die drei ???‘ gelesen und nachher auch diese ganzen Klassiker-Hörspiele gehört. Das habe ich geliebt.”

“Und dann kam irgendwann der Moment, wo Du gesagt hast: Hey, jetzt will ich Hörspiele machen? Und dann hast Du es einfach gemacht...”

“Ja.”

“Hattest Du nicht Angst, dass das nach hinten losgehen könnte?” will ich wissen.

“Nein, denn egal was Du machst, es kann Dir ja im Grunde gar nichts passieren. Und wenn einer sagt: ‚Mir ist meine Sicherheit wichtiger‘, dann kann ich nur sagen: ‚Woher weißt Du denn, dass Du morgen noch lebst?‘ Viele Menschen verwechseln Sicherheit mit rein finanzieller Sicherheit. Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Und diese Art von finanzieller Absicherung gibt es doch eigentlich immer irgendwie. Ich kenne niemanden, der in unserem Land hungern muss. Ich fände es viel schlimmer, mir selbst irgendwann im Leben vorwerfen zu müssen: Hättest Du es mal versucht! Es ist nicht so schlimm, wenn eine Sache nicht funktioniert, die man ausprobiert. Am schlimmsten ist es, sie gar nicht erst zu versuchen.”

Volker Sassenbergs Experimentierfreude zeigt sich nicht nur in den verschiedenen Hörspielgenres, die er produziert – Horror-Thriller mit “Gabriel Burns”, eine Jugend-Krimireihe mit “Point Whitmark” und Fantasy mit “Abseits der Wege”. Auch musikalisch ist Sassenberg ein sehr offener und vielschichtiger Mensch. So spielte er früher Keyboard und sang bei der Prog- / Power-Metal-Band Domain, in deren Genuss ich ebenfalls auszugsweise komme. Bei einem Song hat Hans Paetsch einen Sprech-Part. Außergewöhnlich, Paetsch in einer Rock-Ballade zu hören.

Ich hake nach: “Hans Paetsch spricht ja nicht nur das Intro von Gabriel Burns, sondern auch die Vorschauen auf die jeweils kommende Point-Whitmark-Episode. Habt Ihr das alles im Voraus produziert? Hans Paetsch ist ja leider 2002 verstorben.”

“Hans Paetsch und ich hatten einen Deal. Er spricht die Hörspiele ein, und ich nehme im Gegenzug sein Vermächtnis auf”, erzählt Volker, und ich werde neugierig. “Hans Paetsch hat sämtliche 154 Shakespeare-Sonette eingesprochen. Wir sind derzeit dabei sie zu überarbeiten. Das dauert noch eine Weile.”

Dennoch spielt Volker Sassenberg einen Ausschnitt aus den Aufnahmen vor. Die bekannte Stimme des “Märchenonkels der Nation” ertönt, untermalt von einer speziell vom Decision-Team komponierten musikalischen Orchesteruntermalung. Ich bin beeindruckt und freue mich schon jetzt darauf, in ein paar Monaten oder Jahren (??) das Gesamtwerk zu hören.

Volker wendet sich wieder den Hörspiel-Scores zu. Nach und nach ertönen aus den Lautsprecherboxen die grandiosesten Melodien und Musikproduktioen, die es derzeit in deutschen Hörspielproduktionen gibt.

“Das klingt nach echtem Orchester”, vermute ich.

“Ja, diesen Sound bekommst Du nur mit echten Instrumenten hin. Wir komponieren die einzelnen Instrumentspuren am Computer und erstellen im Anschluss die Notenblätter, die für die Orchesteraufnahmen verwendet werden.”

In der Tat: Was da aus den Lautsprechern kommt, braucht zum Beispiel den Vergleich mit David Arnolds Bond-Soundtracks nicht zu scheuen. Ein Stück aus “Abseits der Wege” erklingt.

Volker Sassenberg: “Ich mag es, wenn Matthias Günthert die Stimmung in den Stücken am Ende so schön ‚offen‘ hält, das geht dann in Richtung Bernard Herrmann, der durch seine Hitchcock-Soundtracks bekannt wurde. Hier, an diesem Titelstück von ‚Abseits der Wege‘ haben wir sechs Monate gesessen, bis es endlich so perfekt war, wie wir es haben wollten.”

Ich lausche gebannt. Das Stück erzählt eine Geschichte. Ganz ohne Erzähler. Und als wir dann zu den neueren, progressiv-rockigen Soundtracks von Point Whitmark kommen, frage ich mich allen Ernstes, warum diese Songs nicht als reguläres Musikalbum in den Handel kommen. Es würde sich verkaufen wie warme Semmeln.

“Und wie entstehen die Sprachaufnahmen?” möchte ich gern wissen. “Nimmst Du die Sprecher einzeln auf und nachher werden die Aufnahmen dann zu Dialogen zusammengeschnitten?”

“Genau. Und man hat vor allem auch Zeit und Gelegenheit sich mit jedem einzelnen persönlich zu unterhalten. Diese Bindung ist mir enorm wichtig. Klar, man könnte auch schneller mit den Aufnahmen fertig werden, aber ich nehme mir die Zeit, weil ich es wichtig finde.”

“Jetzt haben wir über Soundtracks gesprochen und über Sprachaufnahmen. Aber mindestens genauso wichtig ist ja die eigentliche Grundlage für jedes Hörspiel: Die Geschichte! Wo holt Ihr diese ganzen Ideen her?” frage ich.

“Es sind Dinge, die jeden Tag passieren können. Man muss nur aufmerksam seine Umwelt beobachten. Ich habe da ein ganz aktuelles Beispiel. In der letzten Woche war ich mit meinen Kindern im Garten, und ich höre plötzlich, wie sich von weitem einige Motorräder nähern. Irgendwann denke ich, dass die doch langsam mal da sein müssten. Weit und breit keine Motorrad-Gang zu sehen. In diesem Moment wird der Himmel schwarz und ich erkenne, dass das Geräusch gar kein Motorenlärm ist. Denn über unseren Köpfen zieht ein riesiger Bienenschwarm durch den Himmel. Ich habe schnell die Kinder ins Haus geschickt, weil mir sofort klar wurde: Wenn die es auf Dich abgesehen haben, dann hast Du keine Chance. Ich habe direkt im Anschluss Andreas Gloge, den Mit-Autoren von Gabriel Burns, angerufen und ihn gebeten, einmal in diese Richtung zu recherchieren. Das müssen wir unbedingt als Hörspiel verarbeiten!”

Was für eine Gänsehaut-Situation. Eine angemessen schaurige Anekdote.

“Sag mal, hattest Du uns nicht auch mal eine Sprecherbewerbung zugeschickt?” fragt Volker.

Oh weh, jetzt könnte es peinlich werden. Das ist doch schon viele Jahre her, und ich hatte es längst verdrängt. Leugnen? Bringt nichts. Also stammele ich: “Öhm, tja... das, ehm... kann schon sein. Ihr hattet sicherlich etwas zu lachen damit, hm?”

“Ach was, nein. Wir nehmen nur keine Bewerbungen an, sondern buchen direkt die bekannten Stimmen der Synchron-Profis. Wenn Du das nächste Mal kommst, bekommst Du ‘ne Rolle”, sagt Volker dann zu meiner freudigen Überraschung zum Abschluss. Dazu fällt mir jetzt gar nichts mehr ein, außer: Wahnsinn! “Aber nur eine kleine!” ergänzt er und grinst.

Finde ich immer noch fantastisch! Und so bedanke ich mich bei Volker Sassenberg für den informativen Vormittag und den eindrucksvollen Einblick in die Welt der professionellen Hörspielproduktionen. Und natürlich auch für den hervorragenden Cliff-Hanger zum zweiten Teil des Decision-Studioberichts aus dem Haus der 1000 Geschichten...

Fortsetzung folgt ...

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